Mut, ein Definitionsversuch

Bei Johannes Korten läuft eine Blogparade zum Thema „Mut machen“. Ich habe lange überlegt, welche konkrete Geschichte ich dazu beitragen könnte, aber: Mir fällt nichts ein.

Oh, es gibt diverse Situationen, in denen ich als „mutig“ bezeichnet wurde: Ob es der Aufenthalt in Australien war, Tattoos oder Haare abrasieren – es gibt Leute, die so etwas als mutige Tat empfinden. Für mich waren diese Beispiele nicht mutig, denn sie fühlten sich richtig an und kosteten mich keine Überwindung.

Denn letztendlich verstehen wir ja unter „Mut“ immer irgendwie auch, dass wir etwas tun, das wir eigentlich nicht möchten, das uns widerstrebt, das „Selbstüberwindung“ kostet. Und ja, das passt natürlich, aber andererseits auch nicht. Denn letzten Endes ist es ja kein Kampf gegen das Selbst an sich, wenn man Mut beweist, sondern das absolute Gegenteil: Es ist ein Kampf für das Selbst.

Für mich sind Dinge, die ich für mich, für mein eigenes Selbst tue, nicht mutig, sondern notwendig. Mut, das ist für mich etwas, das ich für andere aufbringe, ohne darin ein Selbstinteresse zu sehen.

Mut ist für mich immer auch Demut – keine Ahnung, ob die Wörter etymologisch verwandt sind oder nicht. Mut fordert keine Belohnung, keine Anerkennung. Mut ist das, was man beweist, wenn man das Selbst in dem Sinne überwindet, dass es keine Rolle mehr spielt.

Mut ist etwas, das muss. Ein „Hier stehe ich und kann nicht anders“.

Mut ist die einzelne Stimme der Liebe gegen die Hassparolen der anderen. Und Mut ist der Glaube daran, irgendwann gehört zu werden.

Mut ist nicht wegzusehen, wenn Wegsehen viel einfacher wäre. Mut ist das Gegenteil von Bequemlichkeit, Mut ist Aufbruch, Mut ist Anfang.

Mut ist Weitermachen, aber auch Aufgeben. Gewohnheiten, Situationen, das Leben.

Mut ist es, sich den Unterschied zwischen „zufrieden“ und „damit abgefunden“ einzugestehen und entsprechend zu handeln. Nicht mehr um den Punkt des „Es geht nicht mehr“ herumzuschleichen, sondern daraus einen Schlussstrich zu machen. Mut ist ein Ende.

Und vor allem ist Mut für jeden im Alltag etwas anderes. Natürlich, die wirklichen Heldentaten erkennen wir alle, aber was ist mit den Dingen, die wir persönlich für selbstverständlich halten, andere aber nicht? Kehren wir zurück zum Anfang, zu den angeblich mutigen Taten, die ich vollbracht habe und zum Thema Selbstüberwindung: Mich selbst überwinden muss ich jedes Mal, wenn ich ein nicht rein privates Telefonat führen muss. Wenn ich autofahre. Wenn ich dem Sohn Grenzen setze. Wenn ich mich irgendwo durchsetzen muss. Wenn ich unter Fremden bin. Denn all das sind Aktionen, die um das Thema „Wenn ich auch nur irgendetwas falsch mache, hat mich keiner mehr lieb“ kreisen – und das ist bekanntlich das große Hadern meines Selbst.

Andere empfinden diese Dinge als komplett problemlos und belächeln mich, wenn ich einen erfolgreichen Anruf als kleinen Sieg abfeiere. Aber eben: Die würden vielleicht dafür nie alleine reisen, was ich wiederum als völlig unproblematisch und extrem spannend empfinde.

Mut ist – im Kleinen – also auch komplett individuell. Auch wenn ich das eher als „tapfer“ sehen würde. Ja, Semantik, ich weiß. Aber „Tapferkeit“ drückt für mich eher das Hibbelige, das Nervöse aus, das solchen Situationen innewohnt.

Mut? Mut ist für mich ein Gefühl der ruhigen Sicherheit, das einzig Richtige zu tun. Weil ich es für andere tue. Weil es die Welt besser macht. Weil es hilft. Und zwar allen, nicht ein paar ausgewählten Wenigen.

Mut ist nicht der Krieger, der verblendet für ein eingetrichtertes Ideal kämpft. Mut ist derjenige, der sich ihm ohne Waffen entgegenstellt. Weil er hofft. Weil er glaubt. Weil er liebt.

Und gerade in diesen Tagen brauchen wir alle mehr Mut.

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3 Gedanken zu “Mut, ein Definitionsversuch

  1. Schön gesagt! Für mich ist Tapferkeit aber eher etwas, das man durchsteht, weil man eben muss: zum Beispiel einen Zahnarztbesuch. Dann ist man tapfer, wenn man nicht schreiend wegrennt. Mut ist für mich, wenn man freiwillig eine Angst überwindet, um ein höheres Ziel zu erreichen (was das auch immer sein mag) – das kann für mich auch schon ein Telefonat sein, wie du das beschreibst (und das ist es auch tatsächlich). Die Sache „ohne Selbstinteresse“ kann ich aber nicht so ganz teilen. Ich glaube, dass es nichts gibt, das man ohne Selbstinteresse tut. Wenn man für andere einsteht, dann weil einen das Gewissen zwingt oder aus welchem Grund auch immer. Das ist auch ein Selbstinteresse.

  2. Pingback: Hingucken macht Mut. | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001

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