#notallfanz

Es ist, das wird vermutlich niemandem entgangen sein, mal wieder Fußball-WM. Mit allen Vor- und Nachteilen. Allen Debatten und Streitereien. Und nee, ich spreche hier nicht mal von den Diskussionen zwischen Fans unterschiedlicher Mannschaften. Mir geht es um die Gräben, die sich – vor allem natürlich im Social-Media-Bereich – zwischen Fußballguckern und Fußballhassern auftun. Ich bin bekennende Fußballguckerin, bekanntlich mit einer Überdosis Empathie gesegnet und extrem auf „Alle sollen sich lieb haben!“ programmiert.

This is a problem.

Ich werde jetzt nicht aufzählen, warum diese WM kritisch hinterfragt werden muss. Der Zwiespalt der WM-Guckenden wurde auf Spreeblick schon hier und hier sehr klar beschrieben. Für mich selber gilt bekanntermaßen in solchen Situationen immer die Regel: Meine Widersprüche. Muss ich mit klarkommen. Und das geht eigentlich auch so weit ganz gut (heyyy, Verdrängen ist eine viel weiter verbreitete Superkraft, als man denkt!). Nur: Ich lebe halt zumindest teilweise auf Twitter (Facebook in geringerem Maße, aber da findet diese Debatte auch weniger statt. Da geht’s mehr um Frisuren und Bärte …), und dort sehe ich mich in meiner Timeline fast ununterbrochen mit den Leuten konfrontiert, die sich von der Fußball-WM ein wenig bis äußerst genervt zeigen.

Was ihr gutes Recht ist. Ganz ohne darauffolgendes Aber.

Denn ich kann mich schwerlich darüber beklagen, dass mir zum Teil – nicht persönlich, aber als Fußballfan – der blanke Hass entgegenschlägt. Ich kann mich nicht darüber beschweren, denn ich bin die Mehrheit. Ich bin Teil der Euphorie, die nur allzu schnell widerliche nationalistische, rassistische und anderweitig diskriminierende Ausbrüche mit sich zieht, mit quasi vorprogrammierter Regelmäßigkeit. Ich kann mich davon als Einzelperson distanzieren, so sehr ich will, es ändert nichts daran, dass ich letztendlich zu der amorphen Masse „Fan“ gehöre und damit per Assoziation Passivmitglied bei den Böllern, Hupern und Säufern bin. Auch wenn die Praxis anders aussieht.

Natürlich könnte ich darauf pochen, dass bitte nicht so sehr pauschalisiert werden soll und doch nicht alle Fans und so … joa. #notallfanz. Merkt ihr was? Das ist das ewige Argument der Kritisierten. „Für andere mag das gelten, aber ich bin nicht so!“ Nee. So mag ich mich nicht rausreden. Nicht solange unsere Gesellschaft die Fanauswüchse zelebriert und immer mehr fordert. Damit meine ich nicht mal nur die irrwitzigen „Fußball drauf und schon wird’s gekauft“-Artikel im Supermarkt. Auch die Kostümierungen. Blackface und Afroperücke? Hurra, wir sind im Fernsehen! Deutschland spielt gegen Ghana? Kann man doch mal „Alle Schwarzen haben eh AIDS“-Witze auf Twitter machen (und als 13-Jährige mal eben eine ordentliche Lektion in Sachen Internet gratis dazu kriegen …)! Oder sowas:

fanauto

Von den Scherzen, die die Herren im TV machen, ganz abzusehen: Ja, Herr Opdenhövel, dass Shaqiri bei einem schwachen Schuss kickt wie Shakira, das ist natürlich totaaaal witzig. Muahahahaha.

Kurz: Es gibt nicht nur fünf Jahreszeiten in Deutschland, sondern sechs. Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Karneval, Fußball. Über die Reihenfolge kann man sich in Zeiten, in denen eine Fußball-WM schon mal in Katar stattfindet, ruhig streiten.

Und hier stehe ich und würde gerne über den Zaun brüllen: „Ja, das alles nervt mich doch auch, obwohl ich mitgucke!“ – aber es hilft ja nix, ich bin nun mal Teil des Problems. Und egal was ich tue: Es werden sich nicht alle lieb haben.

Also agiere ich wie immer: Ich huldige dem Slacktivism, indem ich empört twittere, üble Accounts blocke und melde, nabelbetrachtende Blogeinträge schreibe und zwischendurch schweren Herzens jemanden entfolge, weil ich mit der Wortwahl und der Aggression, die den Fans (und damit auch mir) um die Ohren gehauen wird, nicht umgehen kann.

Und so sehr ich Fußball liebe und die Spiele gespannt verfolge, so sehr freu ich mich doch auch darauf, dass in ein paar Wochen wieder Ruhe in meiner Timeline einkehrt. Na ja, abgesehen von Fandom Wars, Mommy Wars, Misogynie, Misanthropie, Misandrie, Mimimi.

Aber da, um dem Zynismus mal richtig viel Raum zu geben (denn hey, es ist Montag und überhaupt), gehöre ich ja dann wieder zur „richtigen“ Seite.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.