Isn’t it ironic?

Guten Morgen. Frau Tugendhulk hier, ich hab mal wieder etwas Furor zu verbloggen. Keine Sorge, ich hab drüber geschlafen, ich koche also nicht mehr über, ich brodle nur so ein bisschen auf kleiner Flamme vor mich hin. Aber das Thema hat nun mal den Gemischtwahnlädchen-Test nicht bestanden, d.h. eine Nacht später rege ich mich immer noch drüber auf. Also. Reden wir mal wieder darüber, was Humor ist, was Humor darf und was Humor sollte. Im weitesten Sinne.

Auf das Thema aufmerksam wurde ich durch diesen Tweet von Kathi, der mir erst mal die Kinnlade runtersacken ließ:

fatshamingraabe

Ein Schulbuchverlag erklärt den Gebrauch von Ironie anhand eines Beispiels, in dem jemand aufgrund seines Körpergewichts kritisiert wird. Klarer Fall von Body Shaming, nicht wahr? Ach nee, Moment, Dicken darf man ja ihr Essverhalten vorwerfen. Dünnen auch. Und jetzt mal kurz die Hand heben, wer in seinem Leben schon mal erleben durfte, wie sich „Willst du das wirklich essen?“ oder „Du solltest mehr essen, an dir ist ja nichts dran!“ anfühlt.

Ja, dachte ich mir. Was hier von der Frau gewünscht ist? Vermutlich ein Satz im Stil von „Iss nur, Schatz, das wird dir gut tun!“ oder „Ich steh auf Männer mit gesundem Appetit!“ oder so etwas Ähnliches. Ein Satz, dessen Intention eigentlich ist, dem Mann klarzumachen, dass er keine Riesenpizza und keinen doppelten Nachtisch bestellen darf. Öh. Warum nicht? Ich meine, ich frag ja nur. Und kommt mir jetzt nicht mit „Die Frau sorgt sich nur um seine Gesundheit“, denn dass Ironie als Stilmittel bei einer ernsthaften Sorge nicht die beste Variante ist, darüber sind wir uns hoffentlich einig. Ich sehe da folglich nur zwei mögliche Gründe für eine ironische Antwort: 1. Sie will ihren Mann verletzen. Bravo, Ziel erreicht. Oder 2. Sie betreibt Concern Trolling. Und Concern Trolling ist fiese, manipulative Scheiße. Die braucht keiner. Schon gar nicht ein Schulbuch.

Aber halt, Moment, ich hab da was missverstanden, meint der RAABE-Verlag. Das Zitat ist nämlich aus dem Kontext gerissen worden! Hier ist die restliche Seite.

Ich erlaube mir mal (in der Hoffnung, dass die Leserschaft den Link zum Gesamtwerk anklickt), noch einen Ausschnitt davon zu präsentieren:

Ironieraabe

Äh. Ehrlich gesagt, was ich da aus dem Kontext erkenne, ist keine Rechtfertigung, sondern mehr Probleme.

Gucken wir uns mal das erste Bild an. Ein kleines Mädchen hat eine Vase runtergeschmissen, vermutlich (siehe ihr Gesichtsausdruck) aus Versehen. Die „korrekte“ Reaktion der Mutter wäre nun laut Aufgabe sicherlich „Das hast du richtig toll hinbekommen!“.
Nun ist es durchaus diskutabel, inwiefern Kinder schon Ironie verstehen. Und ja, ich habe Bastian auch schon diverse Male ironische Antworten gegeben, das erkenne ich jeweils peinlich berührt daran, wenn er mal wieder „Na, toll!“ seufzt. Aber mir ist klar, dass eine ironische Reaktion auf ein Missgeschick erzieherisch, nun, eher ungünstig ist. Was nimmt das kleine Mädchen aus diesem Satz mit? Entweder Verwirrung, weil es aufgrund der Diskrepanz zwischen Tonfall und Aussage nicht lesen kann, was die Mutter meint. Oder aber die Aussage, dass es etwas Schlimmes getan hat. Nun ja. Ich hab mich auch schon über Situationen aufgeregt, in denen Bastian etwas zerstört hat, aber letztendlich ist es mir wichtig, dass er den Unterschied zwischen „Das was du getan hast, war nicht gut“ und „Du bist nicht gut“ lernt. Und das ist in dieser Illustration beim besten Willen nicht gegeben.

Auf dem zweiten Bild findet es ein Junge angebracht, ein seltsam aussehendes Wesen (das übrigens auch wieder Anzeichen von Übergewicht aufweist) mit „Du bist ja ein ganz besonders hübsches Kerlchen!“ ironisch zu beleidigen. Klartext: Wer anders aussieht als die Norm, den darf man öffentlich als hässlich bezeichnen, runtermachen und – siehe die ganze Körperhaltung des Jungen – auslachen.

Das dritte Bild erscheint da auf den ersten Blick eher harmlos, denn die Kritik, dass für einen teuren Pelzmantel kein Geld da ist, mag durchaus berechtigt sein. Aber bitte guckt euch die Situation mal genauer an: Da wird mal wieder repräsentiert, dass die verschwendungs- und genusssüchtige Frau keine Hemmungen kennt, wenn es um … ja, genau: Shoppen geht. Sprich: Hier haben wir also noch eine Runde Genderklischees als Sahnehäubchen (auf dem doppelten Nachtisch, höhöhö).

Frau Tugendhulk meint: UAAAAARGH TUGENDHULKSMASH. Ich versuche mal, das Ganze etwas eloquenter zusammenzufassen.

Ich betone, weil der Kontext in der Tat sehr, sehr wichtig ist: Wir reden hier von einer Seite in einem Schulbuch. Lehrmaterial. Daraus sollen unsere Kinder lernen. Da habe ich Ansprüche. Nein, mir ist auch klar, dass die Schule kein Vakuum ist und nicht immer nur suggerieren kann, dass wir in einer perfekten Welt leben. Aber der Ansatz sollte immer sein, dass wir alle die Welt besser machen können. Was die Fünft- und SechstklässlerInnen aus diesem kleinen Ausschnitt unterschwellig fürs Leben lernen? Beurteilt Leute nach ihrem Aussehen. Bedient die alten Rollenklischees. Erhaltet den Status Quo.

Nee, sorry. Mir fällt auch keine bessere Zusammenfassung als „UAAAAAAARGH!“ ein. Trotz Drüberschlafen.

Ach ja: Der RAABE-Verlag beantwortet übrigens alle Tweets zum Thema mit dem Hinweis auf den Kontext. Ich hoffe mal, das ist eine Notlösung übers Wochenende, und es kommt noch was. Denn ein suggeriertes „So war das gar nicht gemeint!“ funktionierte noch nie als Zauberspruch, um alles wieder heile zu machen. Im Gegenteil.

Aber hey, wenn man die Seite aus dem Lehrbuch mit diesem Blogeintrag des Verlags vergleicht – dann hat man tatsächlich irgendwie ein gutes Beispiel für Ironie …

(Nachtrag: Bitte hierzu auch die grandiosen Beiträge von Gedanken im Speckmantel und Miss Temple lesen!)

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8 Gedanken zu “Isn’t it ironic?

    • Ich würd ja zum Lachen in den Keller gehen, aber wir haben keinen. Und im Speicher wohnen die Marder. ICH HAB’S SO SCHWER!!! 😉

  1. Mal ehrlich, Klischees mittels Schulbuch „füttern“. :roll: Dafür brauche ich keinen Humor.

    Das ist manipulativ! Und Eltern wird in Erziehungsberatungsstellen, Paaren in der Paarberatung und Kindern beim Psychologen dazu geraten ……. genau diese Verhaltensweisen NICHT zu benutzen!!

    Vielleicht sollte in einem Verlag mal jemand über die Wirkung von Sprache informieren. Und sich vielleicht ein bisschen mit „Wortwörtlichkeit“ auseinandersetzen. 💡

    Oder ist dies schon wieder ein zu schwieriger Denkansatz??

  2. Ich glaube ich seh‘ (bzw. lese) nicht richtig ôô
    Sowas gab’s in unseren Englisch- (und anderen Schul-) Büchern – die man heutzutage vermutlich als pädagogisch bzw. lernpsychologisch rückständig zerreißen würde – nicht (oder kann ich mich nur nicht mehr erinnern?).
    Armselig, ganz armselig.
    Danke für diese Info.

  3. Die Frau ist genusssüchtig und verschwenderisch, und der Mann ist derjenige, welcher sein sauer verdientes Geld dafür hergeben muss. Hat die Frau keinen Beruf? Wenn sie einen hätte, dürfte sie doch sicher ihr eigenes Geld für Pelzmäntel verschleudern, oder? Fragen über Fragen… (und nur ein bisschen ironisch.)

  4. Oh,die anderen Beispiele hatte ich gar nicht gesehen. Ist übrigens nicht Ironie, was die da erklären in dem Schulbuch, sondern Sarkasmus. Nur mal so.

  5. Woah wie dämlich. Und das in einem Lehrbuch. Hat sich der Verlag da noch etwas ausführlicher zu geäußert?

    Das Problem ist, dass es dann an der Lehrkraft liegt, so eine Lektion erst gar nicht u behandeln bzw. die Schüler*innen umfassend aufzuklären.

    Ironie ist wichtig; aber da hätte man auch Sätze etc. auf Gegenstände oder zB das Wetter bezogen einbringen können.

    Was die als Ironie bezeichnen, ist die Reproduktion von Stereotypen. Damit sollte man sehr vorsichtig umgehen. Stereotype lässt sich nicht immer vermeiden, aber das ist einfach ZU krass mMn.

    Ich kann nur hoffen, dass es Lehrkräfte gibt, die Ironie anders vermitteln und sich nicht an das Lehrwerke halten.

    LG

    Muh.

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