Zwiespaltspagat und Depressionsdümpeln

Erstens mal: Einen wirklichen Spagat hab ich einmal in meinem Leben geschafft. Versehentlich. Ist nicht empfehlenswert. Den Lebensspagat hingegen leg ich tagtäglich hin, mal besser, mal schlechter. Ihr wisst schon, die Vereinbarkeiten von Mutterschaft, Moderne, Tradition, Frauenbildern, Feminismus, Onlinewelt, Offlinewelt … manchmal wünsch ich mir, ich wär ein Tausendfüßler, so viele Spagate mach ich selbst als nicht erwerbstätige Mutter.

Außerdem haben Tausendfüßler sicher weniger anstrengende Schönheitsideale.

Aber nun gut, muss ja, nicht wahr? (Oh, wie ich „muss ja“ hasse!) Ist ja nicht so, als ob es valable Alternativen gäbe – auch wenn mein Instinkt mir zuflüstert: Leg dich einfach auf den Rücken und zappel mit den Beinen, bis jemand dir hochhilft. Die Erfahrung des durchschnittlichen Käfers zeigt: Nicht empfehlenswert.

Also entscheide ich mich für das, was für mich passt, gucke Fußball und muss mich dafür von anderen Feministinnen als „Backstabber“ bezeichnen lassen, poste Fotos von mir im Bikini im Internet und kriege dafür von Fathatern solche Links zugeschickt und finde die Menschheit allgemein derzeit absolut entzückend. Kein Mitleid bitte, ich steck diese Dinge ziemlich problemlos weg, mir geht es um das Prinzip „Seid doch mal alle nett zueinander“, und mein diesbezügliches Scheitern lässt mich eher verzweifeln.

(Meinen Gemütszustand kann man immer dadurch erahnen, wie sehr ich das Bedürfnis habe, die ganze Welt zu retten. Bzw. daran, dass ich wiederholt träume, dass die Welt untergeht und mir die Verantwortung zugeschoben wird. Vielleicht sollte ich hier mitmachen. Seufz.)

Meh. Ich bräuchte einfach mal wieder zwei, drei Tage am Stück, in denen ich nur ich selbst sein kann und nicht Mutter-Ehefrau-Bespaßerin-Hundehalterin-Haushaltmacherin-Bloggerin-Feministin-Fatacceptancewarrior …und so weiter. (Stockholm Pride! Ende Juli! Das wär was! Conchita Wurst und Ola Salo! Hach! Keine Kohle. Hab zwar einen Zuschuss gekriegt, aber ein Teil davon ging für eine Spende an einen kranken Hund drauf. Natürlich. Argh. Ich würd’s am liebsten irgendwie aufstampfend durchstieren, aber es geht halt nicht.) So wie es jetzt ist, hangle ich mich halt bis GISHWHES durch und dann geht’s mir hoffentlich besser. Oder ich mach irgendwann den Suarez, was aber alleine schon deswegen schwierig wird, weil ich nicht mehr auf dem Zahnfleisch gehe, sondern schon auf dem Kieferknochen.

Und da ich mich anscheinend eh gerade in irgendeiner Pfütze des Jammertals suhle: Entscheidungen. Wenn ich in den tieferen Tiefen der Depression rumdümple, sind Entscheidungen quasi unmöglich. Ich erinnere mich ja an Bastians erstes Lebensjahr nur vage, weil es mir da so schlecht ging, aber ich weiß noch genau, dass ich nicht mal mehr entscheiden konnte, was er denn anziehen sollte, aus Angst, ich mach was falsch. Darüber darf lachen, wer möchte, für mich war das ein nie endender Albtraum. Mittlerweile kann ich besser damit umgehen und weiß, dass es bei den allermeisten Entscheidungen, die ich im Leben zu treffen habe, nicht um Leben und Tod geht. Und dass die zu tragenden Konsequenzen im Zweifelsfall nicht superduperobertragisch sind.

Derzeit nage ich an zwei Entscheidungen rum. Beide sind für den „normalen“ Menschen vermutlich völlig easy, und ich verstehe jegliches Unverständnis, das mir entgegenschlägt. Aber wie gesagt: Depressionsdümpeln. Alles schwierig.

1. Deutschland steht im Finale der Fußball-WM. Hossa, hossa, trallalla, soll Bastian am Sonntag mitgucken dürfen? Alles in mir sagt: Ja, natürlich, man weiß ja nicht, wann das wieder passiert, einmal länger wach bleiben schadet ihm nicht. Der Ehemann ist eher dagegen, weil er halt fürchtet, dass sich Bastian nicht wirklich für das Spiel interessiert und dadurch eher zum Störfaktor werden könnte. Gerade falls wir zum Public Viewing in der Kneipe von Jogis Bruder runter nach Schönau fahren. Dazu sage ich: Hm, und ja, und klar stimmt das alles ABER. Ich hab natürlich auch keine Lust darauf, grantig zu werden, weil der Sohnemann rumzappelt oder vielleicht auch einen Teil des Spiels zu verpassen, weil er heim will. Aber ich möchte ihn das Finale halt erleben lassen.

Kurz: I. Do. Not. Know.

2. Am Samstag (also eigentlich schon ab heute, aber mich interessieren vor allem die Termine am Samstag) findet in Heidelberg das Ladyfest statt. Ich wollte da eigentlich hin, aber dann kam das Spielfest zum Schwarzwaldtrail dazwischen, das natürlich genau an dem Samstag stattfindet und ein Bobbycar-/Laufrad-/Rollerrennen für Kindergartenkinder bietet. Natürlich will Bastian da starten. Natürlich will ich dann dabei sein. Natürlich lass ich dafür das Ladyfest sausen.

Natürlich hing heute ein Zettel an der Kindergartentür, dass das Fahrzeugrennen leider nicht stattfinden kann.

Okay, was mach ich nun? Doch zum Ladyfest fahren, obwohl das bedingen würde, dass ich den Bus um 6:11 am Samstag früh nehmen muss und vermutlich wieder den ganzen Tag nur rumhetze, so wie am Montag, als ich spontan zum NIFFF fuhr, um mir ein Panel mit George R. R. Martin anzugucken? Das Problem an solchen Aktionen ist ja, dass es mir danach psychisch etwas besser geht, aber dafür die körperliche Müdigkeit extrem ist.

Kurz: I. Do. Auch. Hier. Not. Know.

Und ich weiß ganz genau, wie albern diese Probleme sind, ich weiß absolut, dass so ziemlich gar nichts davon abhängt, und trotzdem sehe ich mich nicht imstande, eine Entscheidung zu treffen, weil mein Hirn mal wieder im Was-wäre-wenn-Modus ist und alle möglichen (und unmöglichen) Resultate jeder möglichen Entscheidung in Dauerschleife abspielt.

Visuell zusammengefasst: Derzeit ich so.

Hoffentlich ich bald wieder so.

(Und ja, es ist mir grad egal, dass die GIFs nicht ins Blogformat passen. Wie der Sohn sagen würde: Dopfidammi.)

(And don’t even get me started on the fucking weather!)

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