Ein wütender Brief an die Bunte

Hallo Bunte-Redaktion,

Nein, ich mag mich gar nicht mehr beschweren über den Bericht, den Sie neulich über Harper Beckham gepostet haben (alle Links via donotlink, Klickzahlerhöhung gibt’s von mir keine). Dass Sie mit diesem Thema Aufregung (und Klicks) generiert haben, ist offensichtlich. Merkt man alleine schon daran, dass Sie es noch mal aufgreifen und mit einem Heilpraktiker für Psychotherapie darüber reden (noch mehr Klicks). Ein Ernährungsberater hätte es vermutlich auch getan. Oder eine Ernährungsberaterin, aber wieso sollten wir auch Frauen zu diesem Thema zu Wort kommen lassen, nicht wahr?

Der Herr Heilpraktiker hat dann auch gleich eine Theorie, warum die Dreijährige (!) für ihr Alter zu dick sein könnte: Logisch, die alten Bekannten „schlechte Ernährung“ und „zu wenig Bewegung“ tauchen da gleich auf. Als letzte Möglichkeit wird noch „eine Wachstums- und Entwicklungsphase“ genannt. Bei einem Kleinkind? Ah nee, kann doch nicht sein. Nicht doch. Da liegt natürlich eine andere Erklärung auf der Hand: Die Mutter ist schuld. Wo Victoria Beckham doch sooo dünn ist – siehe auch den Hinweis unter dem Text: „Sehen Sie unten im Video, wie mager Victoria Beckham bei der „Ice Bucket Challenge“ aussah“. Alleine schon über diese Schlussfolgerungen und diesen Hinweis könnte ich Ausschweifungen mythenmetzschen Ausmaßes schreiben, aber lassen wir das …

Aber hey, wo das Thema doch so sehr „bewegt“ (den Finger auf die Maus zum Anklicken), muss natürlich noch mal was dazu rausgehauen werden, und das ist wahrlich eine Perle: Eine Art Entschuldigung. Eine Fauxpology, wie man das auf Englisch so schön nennt. Denn ganz ehrlich, „grundsätzlich offen und vorbehaltlos“: Der Text ist reines Stierexkrement. Da stellen Sie sich als mutige Tabubrecher hin, die über sensible Themen sprechen, die sonst nie diskutiert werden. Weil Ihnen das ja so wichtig ist und so sehr am Herzen liegt. Weil 15 Prozent der Kinder! Sind! Übergewichtig! In! Deutschland!!! Oh, wo wir gerade bei Statistiken sind: Ich hab da auch eine. Auch von der Bundeszentrale für gesundheitliche Ernährung, die Sie ja so schön als Quelle angeben.

Bei etwa einem Fünftel aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland liegt ein Verdacht auf eine Essstörung vor. Bei den jüngsten Befragten ist der Anteil von auffälligen Jungen und Mädchen etwa gleich hoch. Mit zunehmendem Alter nimmt jedoch der Anteil der auffälligen Mädchen zu, der der Jungen ab. Bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren gibt es Hinweise auf eine Essstörung, bei den Jungen sind 13,5 Prozent auffällig.

Als Essstörungen definiert die BZgA übrigens Anorexie, Bulimie und Binge Eating. Als Betroffene bin ich schon mal dankbar dafür, dass Binge Eating mittlerweile überhaupt als Essstörung anerkannt ist, aber das ist wiederum ein anderes Thema. Ebenso wie die Tatsache, dass das Pendel in die andere Richtung, die des obsessiven Essverhaltens, offensichtlich einiges weiter ausschlägt als in die Richtung „Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen“. Das sei nur am Rande erwähnt, um darauf hinzuweisen, wie selektiv Sie recherchieren, wenn Sie „grundsätzlich offen und vorbehaltlos“ sind.

Mir geht es hauptsächlich um Folgendes: Halten Sie ernsthaft das Thema dicke Kinder, Jugendliche und letztendlich auch Erwachsene für einen Tabubruch? Sind Sie wirklich der Meinung, dass darüber nicht genug gesprochen und geschrieben wird?

Als Dicke versichere ich Ihnen: Keine Sorge. Das wird nun wirklich genug thematisiert. Ich lade Sie hiermit herzlich ein, einmal einen Tag mit einer dicken Person zu verbringen – bitte sparen Sie sich jegliche Experimente mit Fat Suits, danke sehr – und sich deren gefühlte und tatsächliche Diskriminierung on- und offline mitanzusehen. Sehen Sie, ich weiß nicht, in welcher Welt Sie leben, aber in meinem Alltag erlebe ich täglich Situationen, in denen ich daran erinnert werde, dass ich mich schämen sollte. Weil ich so unansehnlich bin. So undiszipliniert. So schwach. So, ach, sprechen wir es doch ruhig aus: So minderwertig. In jeder Frauenzeitschrift begegnet mir eine neue Diät, die mir verspricht, endlich die ersehnte Bikinifigur zu erreichen. In jedem Modegeschäft, das keine spezifische „Übergrößen“-Abteilung besitzt, werde ich implizit darauf hingewiesen, dass ich an diesem Ort nicht zu existieren habe. Und wenn ich mal Kleidung in meiner Größe finde, ist sie so geschnitten, dass sie möglichst viel von meiner Figur versteckt, denn das will doch keiner sehen. Und bei jeder öffentlichen Mahlzeit wird von mir erwartet, dass ich mir Gedanken darüber mache, wie es auf andere wirkt, wenn ich als Dicke etwas „Ungesundes“ esse.

Letztendlich bin ich ständig dem öffentlichen Druck ausgesetzt, mich möglichst unsichtbar zu machen, da ich ästhetisch nicht der Norm entspreche. Sprechen wir es doch einfach mal populistisch aus: Mir wird tagtäglich die Existenzberechtigung entzogen. Und wenn es nur mit dem Pseudo-Sorgenmach-Argument ist, das auch Sie anwenden: Es geht doch nur um meine Gesundheit. Um Harpers Gesundheit.

Und jetzt wird’s schwierig, jetzt müssen Sie ganz tapfer sein: Ich lasse das nicht mit mir machen. Ich nehme den Raum ein, der mir zusteht. Ich trage Kleidung, die meine Speckrollen nicht versteckt. Ich besitze sogar einen Bikini. Und ich ziehe ihn an und gehe damit baden. Daraus folgt: Ich habe bereits eine Bikinifigur. Sie entspricht nur nicht der, die man mir verkaufen will. Ich stehe zu meinem Aussehen und darf deshalb gerne mal, wenn ich bei Twitter ein Foto poste, Aussagen kassieren wie „Fat cunt!“. Oder stelle immer wieder fest, dass Fotos von mir bei Tumblr als „Thinspo“ benutzt werden. Ja, genau, ich bin das Vorherbild, dass Abnehmobsessive als Inspiration benutzen, weil es für sie das Schlimmste auf der Welt wäre, so auszusehen wie ich.

So. Und Sie machen sich also Sorgen darüber, was aus Harper Beckham werden könnte, wenn sie nicht abnimmt. Eine Dreijährige. Diagnostiziert aufgrund einiger Fotos, auf denen übrigen Sie alleine interpretieren, was das Mädchen gerade trinkt. Und Sie entschuldigen sich bei denen, deren Gefühle Sie mit ihrer ach so offenen Berichterstattung verletzt haben.

Wissen Sie was? Ich brauche Ihre Entschuldigung nicht. Meine Gefühle sind nicht verletzt. Meine Gefühle nehmen so etwas mittlerweile mit einem Schulterzucken hin. Ich sag Ihnen, bei wem Sie sich entschuldigen können: Bei jeder einzelnen prominenten Person, über deren Gewicht Sie jemals spekuliert haben.

Hey, wenn es Ihnen um die Gesundheit geht, können Sie denen ja jeweils einen Obstkorb schicken, gell?

Hochachtungslos,

Die Dicke.

P.S. tl;dr? Keine Sorge, ich hab eine visuelle Zusammenfassung:

diedicke

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4 Gedanken zu “Ein wütender Brief an die Bunte

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