Nebenbei-Feminismus fürs Kind

In Bastians Kindergarten gibt es derzeit anscheinend ein Spiel, das ihn vor allem anderen fasziniert: Mädlefangen. Am zweiten Tag nach den Sommerferien kam er mir mittags entgegen gerannt mit dem Kampfschrei: „JETZT IST WIEDER MÄDLEFANGZEIT!!!“

Nun ist es ja gerne mal so, dass die Dinge, die mir Bastian erzählt, und die tatsächlichen Begebenheiten nicht komplett übereinstimmen. Will sagen: Ich gehe nicht davon aus, dass er jetzt den ganzen Morgen den Mädchen hinterher rennt und sie ärgert. Das würden die Erzieherinnen sowieso nicht zulassen, sie schränken auch die Mädlefangerei ein, und ich setze da mein volles Vertrauen in sie. Ich weiß ja, warum ich ihnen zum Ende von Bastians erstem Kindergartenjahr das hier kredenzt habe:

badezeug

(Ja, ich kenne meinen Pappenheimer.)

Nur: Wie geh ich als feministische Mutter mit der für mich ziemlich irritierenden „Mädlefang“-Situation um?

Erstens mal wie gesagt: Kindergarten ist das Hoheitsgebiet der Erzieherinnen. Nicht im Sinne von „dort wird er schon erzogen“, sondern so: Wenn ich mich im Kindergarten aufhalte, kommandiere ich den Sohn nicht rum, irgendetwas Bestimmtes zu tun, sondern überlasse den Angestellten das Sagen. Bastian soll lernen, dass im Schulsystem andere Leute die Autorität haben als ich. Ich schreibe denen nicht vor, was sie zu tun und zu lassen haben. (Ihr dürft mich gerne auf diese Aussage hinweisen, wenn ich später mal über seine Lehrerschaft jammern sollte. Ähem.)

Zweitens: Ich predige nicht. Predigten helfen selten, bei sowas stelle ich selbst gerne mal mit meinen 42 Jahren auf Durchzug. Klar, es gibt Momente, da muss man eindringlich sein und darauf pochen, dass das Kind zuhört und versteht. Aber da geht es um direkte Gefahren für ihn. Ich möchte, dass Bastian den respektvollen Umgang mit Mädchen als Alltag erlernt. Also ohne spezielle Vorträge, sondern einfach immer wieder in einem Nebensatz erwähnt. Beispielsweise frag ich ihn oft, wenn er mir vom Mädlefangen erzählt, wie die Mädchen das denn selber finden. Wenn er dann sagt „gut“, weise ich ihn nochmal kurz darauf hin: „Wenn die Mädchen aber nicht mehr mitspielen wollen, lässt du sie in Ruhe, gell?“. Manchmal kommt auch ein kurzes: „Denk dran, wenn ein Mädchen nein sagt, dann meint sie auch nein, okay?“ Ich mag das nicht dramatisieren, weil es kein Drama ist. Ich will ihm nur aufzeigen, dass Respekt wichtig ist. That’s it.

Drittens: Ich tue mein Möglichstes, um ihm die Wichtigkeit des Wortes „Nein“ beizubringen, auch was seine eigene Person angeht. Zwei Beispiele: Kitzeln und Küssen. Ich frage ihn, bevor ich ihn küsse, oder ich halte ihm meinen Mund hin, und wenn er ablehnt, sage ich „Dann halt nicht“. Meistens, ich hab mich zugegebenermaßen schon beim Ningeln erwischt, aber er ist da sehr unnachgiebig, zum Glück. Dito beim Kitzeln: Wer „Nein!“ brüllt, der wird nicht mehr gekitzelt. Daran hält er sich noch nicht so oft wie ich mich, aber mit einem „Bastian bitte, ich möchte das nicht!“ lässt er sich nicht nur beim Kitzeln, sondern auch in anderen Situationen überzeugen. Nicht immer, aber immer öfter.

Er hat mittlerweile schon gut gelernt, seine eigene körperliche Autonomie zu wahren. In den letzten Wochen haben wir oftmals vor dem Schlafengehen rumgehampelt – er kletterte flugs in sein Hochbett und ich hab dabei versucht, ihm die Schlafanzughose runterzuziehen. Neulich folgte dann die Ansage: „Mama, ich möchte dass du nie mehr meine Schlafanzughose runterziehst!“ Alles klar, mache ich nicht mehr. Und so hoffe ich, dass er durch den Respekt, der ihm entgegengebracht wird, auch den Respekt vor der körperlichen Autonomie anderer lernt. Schauen wir mal.

Ach ja, und gestern nach dem Kinderturnen erzählte er mir voller Stolz: „Ich und die R. haben uns verabredet!“ Ich war natürlich erst mal baff, aber er erläuterte weiter: „Zum Mädlefangen im Kindergarten morgen! Sie fängt auch mit!“

Man kann also auch mit Mädle Mädlefangen. Immerhin.

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4 Gedanken zu “Nebenbei-Feminismus fürs Kind

  1. Ningeln ist Nörgeln, nur sehr lautmalerisch dargestellt: „Ningelningelningel“ ist quasi das Hintergrundgeräusch eines schmollenden Kindes. 😉

  2. Was ich am faszinierendsten finde ist, dass es auch bei uns schon „Mädchenfangen“ oder „Mädelspacken“ gab… wir wurden dann immer Gefangen, und in eine Senke hinter einem Busch am Ende das Schulhofes gebracht und dort festgehalten. Früher habe ich mir da nie so große Gedanken drum gemacht, aber wenn ich heute darüber nachdenke, war das manchmal doch recht kritisch. Wir hatten schon in der Grundschule so einen Militärfetischisten, der dann meinte er könnte da mal richtig auf die Kacke hauen, und uns rumkommandieren wollte, oder meinte, so lange wir gefangen sind, müssten wir machen was er sagt…
    Ich glaube aber dein Umgang damit ist genau der richtige. Predigen warum oder was falsch ist, geht schneller hier raus und da rein, als den Gedanken anzuregen und immer mal wieder drauf hin zuweisen 🙂

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