My feminism space, your feminism space

Ich habe gestern nach den ganzen Diskussionen um Emma Watsons Rede einen Tweet rausgehauen, von dem ich wusste, dass er kontrovers war. Genau das war auch meine Absicht, ich geb’s zu. Aber weil ich es dann doch nicht so damit habe, nur plakativ und polemisch zu sein und sonst nichts, habe ich natürlich weiter erläutert und führte auch spannende und lehrreiche Unterhaltungen. Aber letztendlich ist es so: Twitter ist für solche Themen ein schwieriges Medium, weil eins sich entweder kurz fassen oder seine Antworten in Puzzleteilen raushauen muss. Also: Das gleiche Thema jetzt noch mal im Blog.

polemik

Der Ansatz ist natürlich schon mal problematisch. Ich bezog mich damit auf Emma Watsons Aussage, dass Feminismus nicht mit Männerhass gleichzusetzen sei und eins sich davon nicht abschrecken lassen soll. Im Umkehrschluss sollte eins aber natürlich auch nicht den Feministinnen die Schuld zuschieben, wenn jemand sich nicht als Feministin identifizieren mag. Ich würde ja gerne sagen, dass ich das nicht getan habe, aber das wäre letztendlich „ich hab’s nicht so gemeint“ und fällt damit in die Kategorie „Intent isn’t magic“. Und vor allem: Die Feministinnen gibt es genau so wenig wie den Mann, den alle hassen. Klar gibt es Einzelexemplare, aber Misandrie entsteht – zumindest bei mir – weniger durch das Verhalten einer Einzelperson und viel eher durch die Regeln der patriarchalischen Gesellschaft, die Männern Privilegien einräumt, derer sie sich oftmals gar nicht bewusst sind. Oder, und das wären dann doch wieder Beispiele für an Personen gerichtete Misandrie, derer sie sich nicht bewusst werden wollen.

Es gibt vermutlich so viele unterschiedliche Feministinnen, wie es Frauen* (Notiz an mich: Mich eingehend mit dem Asterisk beschäftigen. Ich blick’s nämlich irgendwie immer noch nicht, ob das jetzt willkommen ist oder nicht) gibt. Logisch, ne? Für mich war als blutige Anfängerin – ich bin immer noch Anfängerin, aber ich blute weniger – die ganze Szene extrem einschüchternd. Ich konnte mich nicht einordnen zwischen offenen Armen und geballten Fäusten, und als jemand, der extrem auf Anerkennung und Ablehnung reagiert, war ich fürchterlich eingeschüchtert. Ich wollte nichts falsch machen, also hab ich erst mal gar nichts getan. Quasi vor dem Club rumgelungert, weil ich Angst hatte, dass die Türsteherinnen mich sowieso nicht rein lassen. Bzw. vor allem dann nicht, wenn ich nicht gleich als perfekte Feministin anklopfe. Nur: Trugschluss. Massiver Trugschluss. Die perfekte Feministin gibt es nicht. Und es bleibt nichts anderes übrig, als reinzukommen, in diverse Fettnäpfchen zu treten, darauf zu hoffen, dass eins erst mal freundlich hingewiesen statt gleich angeblafft wird, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Und selbst wenn eins angeblafft wird: Das ist ja die Crux an der Sache, genau darum geht es, wenn eins Feminismus von der intersektionalen Seite her angehen möchte. Dass ich die Kritik annehme, egal wie sie vorgetragen wird. Denn eines der fiesesten Derailing-Argumente ist die Sache mit dem Tonfall. Mit einem „Wenn du so fies zu mit bist, hör ich dir nicht zu, sei gefälligst netter!“ wertet man die oftmals berechtigte Wut des Gegenübers aufgrund der Form ab und ignoriert den Inhalt.

Ja, das ist verdammt schwierig. Und passiert mir als weiße, mittelständische Hetera natürlich oft, weil duh: Privilegien. (Anmerkung am Rande: Ich werde von außen als heterosexuell gelesen, identifiziere mich aber als bisexuell ohne entsprechende körperliche Erfahrungen, aber das ist wiederum ein Fass, das wir an dieser Stelle bitte nicht öffnen wollen …) Ich als Person werde ja nur auf zwei Ebenen diskriminiert:

1. Als Frau
2. Als dicke Person
(Eins könnte unter 3. noch das Thema „kleidet sich nicht vorschriftsgemäß für ihr Alter/Gewicht“ dazupacken, aber das ist mehr ein Unterding von Punkt 1 und 2. Wenn ihr ein großartig fürchterliches Beispiel für Mode-Mobbing sehen wollt, guckt euch mal auf sixx die Sendung „How do I look“ an …)

Das bringt mit sich, dass ich mich in einer imaginären Skala der Diskriminierung doch recht weit oben befinde. Mir wird, wenn auch nicht von allen, zugehört. Ich kann meine Meinung ungefährdet rausposaunen. Die Kritik, die ich kassiere, richtet sich nicht gegen meinen Leib und mein Leben. Kurz: Mir scheint eigentlich so ziemlich die Sonne aus dem Arsch. Na ja, vielleicht mehr so der Vollmond.

Auf jeden Fall befinde ich mich in einer angenehmeren Situation als andere. Weswegen ich weit weniger Nabelschau betreiben sollte, als ich es auch jetzt wieder tue. Meine Aufgabe als Feministin sollte es sein, auf diejenigen aufmerksam zu machen, die eben nicht gehört werden. Die aufgrund ihrer Meinung wirklich verfolgt werden. Und zwar nicht, indem ich über sie schreibe, sondern indem ich ihnen Gehör verschaffe, sie ihre eigene Geschichte erzählen lasse. Darauf hinweisen, Klappe halten, reden lassen. Das wäre meine Definition von gutem Ally-Dasein.

Ah, but I fail, I fail so often, I fail so hard.

Ein Beispiel im Zusammenhang mit Emma Watsons Rede: Dieser Beitrag bei Medienelite. Ja, uff, ne. Ich könnte jetzt mit Verteidigungsreden anfangen, aber warum? Stimmt doch. Ja, ich erkenne mich in dieser Beschreibung wieder. Leider. Mir wär’s auch lieber, es wäre nicht so, aber es passiert mir immer wieder, dass ich in meinem „DA GUCKT MAL FEMINISMUS!!!“-Enthusiasmus erst mal völlig unkritisch bin. Weil ich mir denke „Hach, vielleicht lernen ein paar Leute was daraus!“. Und vielleicht tun sie das auch, und das ist durchaus positiv, aber dabei sollte es doch bitte schön nicht bleiben. Nach Feminism 101 folgt Feminism 102, oder 201 oder … auf jeden Fall kann eins ja nicht wirklich sagen „So, ich bin jetzt Feministin und gut ist!“. Es geht ja weiter. Es geht immer weiter.

Ja, ich will weg von der homogenen Heteronormativität meiner tatsächlichen und virtuellen Umgebung, und dafür brauche ich vor allem eins: Demut. Denn um Himmels Willen, ich kann ja nicht erwarten, dafür Applaus zu kriegen, dass ich mich als Privilegierte auf die Seite der Diskriminierten stelle. Fresse halten, zuhören, auf Akzeptanz hoffen und darauf, dass mir verziehen wird, wenn ich wieder und wieder verkacke. Zumindest, wenn ich nicht immer die gleiche Scheiße verkacke. (Der Sohn würde diesen Satz lieben. Hach ja.)

Sagte ich schon: Nabelschau? Ich möchte das ändern. Ich weiß noch nicht wie, die simple Lösung wäre es natürlich, hier auch immer wieder entsprechende Themen zu verlinken (nicht selber darüber zu schreiben!). Aber reicht das? Hm. Nee. Ich weiß auch nicht.

Ich muss einfach raus aus meiner Gedankenwelt, dass sich irgendwann alle lieb haben werden, weil sie das nämlich gar nicht wollen. Und das habe ich zu akzeptieren.

Ich arbeite daran. Und jetzt genug in den Nabel geglotzt und vom Hundertsten ins Tausendste gekommen für heute. Bitte keine Lobpreisungen für diesen Text (Ha! Bescheiden wie immer!), darum geht’s mir nicht, ich denke nur öffentlich nach.

tl;dr: It’s complicated. I can’t fix it. I fucking hate it when that happens.

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3 Gedanken zu “My feminism space, your feminism space

  1. Also mich dünkt das fängs ziemlich kompliziert. „richtige Feministin“ tönt wie „gute Mutter“ – alle haben eine eigene Definition davon und alle finden, sie würden als Einzige den Kriterie entsprechen.
    Ich bin seit 40 Jahren Frauenrechtlerin und – wie beim Thema Elternschaft – suche ich mir Themen, mache mich schlau, bilde mir eine Meinung – und schliesse mich dann den Gruppierungen an, die dem, wie ich funktioniere und denke, am meisten entsprechen. Auswahl gibts zum Glück ja genug.
    Es gibt genug zu tun, packen wirs an! Für diese feministischen Schwanzvergleiche habe ich weder Zeit noch die Nerven…

  2. Och, ich könnt mich auch problemlos in die Ecke setzen mit „meinen“ Feministinnen, aber dafür ist mir Intersektionalität zu wichtig. Ebenso wie der Lernprozess. Und mein Thema ist es halt, bei Feminismus nicht dort aufzuhören, wo die Probleme der weißen, heterosexuellen Cis-Frauen zu Ende sind. 😉

    • Hach, ich habe kein Bedürnis, die ganze Welt zu retten. Ich lese und diskutiere auch gerne über den Tellerrand hinaus. Aber im Alltag, dort wo in die Hände gespuckt, Zeit und Geld und Ellbogenfett investiert wird, dort engagiere ich mich schon meistens dort, wo ich ebenfalls betroffen bin.
      Meine Zeit ist einfach beschränkt und wie man so schön sagt: Man muss seine Schlachten gut wählen, wenn man etwas erreichen will.
      Hier in der Schweiz gibt es kaum konkrete Themen, die über die Problemen der weissen CIS-Frauen hinaus gehen.
      Wenn jemand was anreisst, werde ich mich ihm/ihr aber sicher nicht in den Weg stellen. Aber ich fände es auch ein wenig grössenwahnsinnig, im Namen von Leuten sprechen oder politisieren zu wollen, zu denen ich nicht gehöre.

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