Rechtfertigen? Es reicht!

Ich habe – natürlich – viele Gedanken zu dem Brigitte-Artikel, der mittlerweile bei Twitter bereits seinen eigenen Hashtag (#DIYgate) hat. Zum Inhalt haben u.a. ringelmiez, Trollmutter und Bestrickend Umgarnt schon alles gesagt, und auch das Wollschaf befasst sich damit. Es gibt sicher noch zig andere intelligente Beiträge zum Thema – hat jemand eine Linkliste erstellt? Ich wäre dankbar.

Aber mir schwirrt seit Montag immer wieder die eine Frage durch den Kopf: Warum werden Frauen immer wieder dazu genötigt, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie inhärent weiblich konnotierte Dinge tun? Gerade von Frauen? Warum ist das so ein endloser Bestandteil u.a. auch gerade innerfeministischer Diskussionen? Merkt denn eigentlich keine/r, wie sexistisch das letztendlich ist?

Ich merke es ja tagtäglich an mir selber. Ich bin bekanntlich das wandelnde Klischee – Hausfrau, Mutter, mag DIY, kocht gerne, hat es gerne hübsch zuhause. Lässt gerne mal den Mann das Handwerkliche erledigen. Strukturerhaltend von vorne bis hinten also. Online-Feministin, Slacktivistin, und so weiter, und so fort. (Werte dich selber ab, bevor es andere tun – argh, Springhart!)

Ich kann kein Karate. Ich möchte bitte kein Flugzeug fliegen können, ich hab Flugangst und mir wird schon beim Autofahren in ungewohnten Situationen mulmig. Ich kann auch keinen Reifen wechseln.

Aber ich kann euch problemlos ohne Rezept ein leckeres Brot backen. Ich kann Mützen häkeln. Ich kann Herbstdrachendeko basteln. Das alles ist aber nicht der Rede wert, weil ich kein Mann bin? Jamie Oliver backt leckere Brote, hui! Die MyBoshi-Typen haben Mützenhäkeln auch für Männer cool gemacht, yay! Und bei Art Attack, der Bastelsendung für Kinder, moderieren auch Jungs. Das ist dann wiederum irgendwie akzeptabler, was?

Die berühmten Küchenchefs der Welt: Vorwiegend Männer. Die berühmten Designer der Welt: Vorwiegend Männer. Die berühmten … ach, ihr versteht schon. Die Gleichung scheint zu lauten: Frau macht frauliche Sachen = normal bis bäh. Frau macht männliche Sachen = cool, aber nicht übertreiben. Nur nicht zu viel Macht! Bleib ein Einzelbeispiel, das anderen Frauen vorgehalten werden kann! Mann macht frauliche Sachen = cool, aber nur wenn’s irgendwie männlich präsentiert wird. Wir wollen ja nicht gleich wieder in die Metrosexualität abdriften, ne. Ein bisschen Alphamännchen muss bleiben.

Und ich bin es leid, dass ich dann bei solchen Themen immer wieder in die „Ich bin zwar eine Frau, aber …“-Schiene reinrutsche. In die „Ich kann auch männliche Sachen!“-Schiene. In die „Ich bin total vollwertig und ernstzunehmen, weil ich nicht exklusiv feminin bin!“-Schiene.

Bull. Shit. Ich bin eine Frau, die sich vorwiegend für feminine Themen interessiert. Mag sein, dass dahinter auch Sicherheitsdenken steckt, geringes Selbstwertgefühl, die Angst, irgendwie anzuecken. Aber vor allem sind es halt Dinge, die mich ansprechen, die mir gefallen, bei denen ich meine Kreativität ausleben kann und – Achtung, Zoffwort – Self Care betreiben kann. Und daran ist nichts minderwertig. Wie gesagt, strukturerhaltend, das gestehe ich ein. Damit hadere ich selbst. Aber mein Mann und ich sind ein Team, was z.B. Heimwerkerei angeht. Ich konzipiere, er setzt um, unter meiner Anleitung (ähem). Und das tun wir, weil er in dem Bereich die größere Kompetenz besitzt, die Dinge gehen einfach schneller und sehen besser aus. Natürlich probiere ich selbst, ich lerne und versage und möchte irgendwann alles selber können, alleine schon damit ich meine Kopf-Vorstellungen besser in praktische Gegenstände umsetzen kann. Und das alles mit der dann doch vorhandenen Gewissheit, dass ich es könnte, wenn ich müsste. Ich bin aber in der extrem privilegierten Situation, dass ich nicht muss. Und es ergibt für mich einfach Sinn, dass wir uns die Arbeit so aufteilen, dass sie effizienter erledigt werden kann. Punkt.

Also, vielleicht versuche ich es einfach mal damit, mir selber den Mund zuzuhalten, wenn ich mich mal wieder für etwas rechtfertige, das eigentlich völlig okay ist. Und mir selber auf die Finger zu hauen, bevor ich es tippe. Hm. Ob das klappt? Keine Ahnung.

Aber am Samstag wechsle ich trotzdem meinen kaputten Reifen selbst. Weil ich es sicher irgendwie selber hinkriege und das eh mal lernen wollte, nicht weil es mich zu einer „besseren“ Frau macht.

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9 Gedanken zu “Rechtfertigen? Es reicht!

  1. Ich hab das mal wieder nur am Rande mitbekommen, halte die Diskussion aber für irgendwie bescheuert, denn: Ich preise alle Menschen, die coole, produktive Hobbys haben. Ob das nun Autoschrauben oder Häkeln ist. Ich habe nämlich nichts davon!

  2. Nati bin völlig deiner Meinung!
    Es geht auch der andere Weg: Frauen die männliche Sachen machen, sind keine Frauen. Sie können weder kochen, noch sonst was…
    Es sollte jeder so leben, wie er/sie will und machen was er/sie will. Wenn jemand Hausfrau ist und sich dabei pudelwohl fühlt, ist doch prima! Wenn jemand lieber Reifen wechselt, ist das auch prima. Wir sollten aufhören in Klischees zu denken. Und ausserdem das eine schliesst das andere nicht aus.

  3. Du hast so absolut recht, danke für deine Worte (und fürs Verlinken)!
    Und eine Linkliste zur Debatte hätte ich auch gerne, bin schon über so viele spannende Gedanken zum Thema gestolpert …

    Viele liebe Grüße,
    M.

  4. Ja ja und ja. Bin ja ein ähnliches Beispiel: zu Hause, ama, DIYselfie und so weiter. Aber ich kan auch selber denken. Und ich habe imer weniger Lust auf diesen Karren aufzuspringen, dass ich NUR Hausfrau und Mutter bin. Ja strukturerhaltend. So what? Soll ich an dieser Stelle die ganzen dann „untypischen“ DInge schreiben? Sozusagen schreiben dass es ja gar nicht sooo strukturerhaltend patriarchal ist? (Dass Mann einfach Duinge wie bügeln macht, weil er es schneller kann, oder mir das stricken beigebracht hat? Dafür er keine Ahnung von anderen Dingen hat, die genauso wichtig sind wie Autoreifenwechseln?) Ich kann wenn ich will! Das ist wohl der Satz, an dem es für mich hängt. Was will ich denn? Hab ich Lust, Autoreifen zu wechseln, nur weil das cool (weil „männlich“) ist. Nö,. Ich mach das wenn nötig, aber ich reißt es halt nicht. Das Thema Auto. Nur das Nötigste wie Öl nachschauen und ggf nachfüllen oder sowas.

    Vielleicht habe ich aufgrund eines, sich aus den Themen der letzten Stunden entwickelnden Gedanken mein Blog (das oben) von meinem privateren (das mit den Stricksachen, Gartendingen und Huschelhuschelflausch – das finde ich auch empowernd) getrennt. Vielleicht will ich auch die Leserinnenschaft nicht verwirren? 😉 Irgendwas macht der Text von der Fuhljahn mit mir. Mal sehen.

    Danke dir für deinen Text! Gute Gedanken, gute Weiterdenkepunkte! Unterschreib ich gerne.

    Liebe Grüße von irkabeate

  5. Ohne Deinen Hashtag hätte ich das ganze Drama überhaupt nicht mitbekommen, weil ich diesem Text auf brigitte-online überhaupt nicht die Bedeutung gebe, wie das offensichtlich viele tun.

    Grundsätzlich finde ich übrigens die Analyse der Autorin richtig, dass es bei diesen Blogs (ob sie nun das Hobby oder Mutterdasein betreffen, ist völlig sekundär) um Aufmerksamkeit oder, formulieren wir es grundsätzlicher, ums Gesehenwerden geht. Dieser Wunsch ist aus meiner Sicht absolut in Ordnung. Ich glaube, dass man den ganzen Kritikern der „Häkel- und Jodeldiplome“ viel Wind aus den Segeln nähme, würde man das einfach mal so aussprechen: Ja, ich mache das und das und möchte dafür gesehen werden. Dann gehen der Gegenseite nämlich ganz schnell die Angriffsflächen verloren. Indem man als DIY-Style-Handarbeits-undwasweißichnochalles-Mama auf solche Polemik anspringt, haben die Gegner doch die Bestätigung, die sie wollen.

    Und was die Feminismus-Debatte angeht: Ich finde ja die Entscheidung, Hausfrau zu sein und sein Glück in DIY- oder (wie Du es so nennt beschreibst) in weiblich konnotierten Dingen zu suchen/zu finden, ziemlich emanzipiert, weil sie eben nicht oktroyiert, sondern (in vielen Fällen zumindest) frei gewählt ist. Insofern können sich die sich angegriffen Fühlenden doch locker machen: Ja, ich bin Hausfrau. Weil ich es will. Weil ich es kann!

  6. „Also, vielleicht versuche ich es einfach mal damit, mir selber den Mund zuzuhalten, wenn ich mich mal wieder für etwas rechtfertige, das eigentlich völlig okay ist. “
    Genau so. Sein Ding durchziehen und sich nicht dafür rechtfertigen. Aber bitte, bitte auch nicht erwarten, dass die ganze Welt einem dafür applaudiert, sondern auch einfach mal stehen lassen, wenn jemand das dann halt nicht so toll findet.

  7. Herje, dieser unglaublich erheiternde Brigitte-Artikel ist mir ja ganz entgangen… Wie arm mein Leben doch bisher war… 😉
    Da bejammert eine Autorin, dass es böse, unemanzipierte Weibchen gibt, die sich freiwillig wieder in einen Zwang aus den 50er Jahren zurückbegeben und dafür auch noch (bitte empört die Luft einziehen) AUFMERKSAMKEIT und BEWUNDERUNG erhalten… Frechheit aber auch! Und dann stellt sie die Vorschriften dafür auf, wie wir alle so zu leben haben, wenn wir zu den coolen Mädchen gehören wollen. Danke dafür, endlich sagt mir mal wieder wer, wo es lang geht, nachdem es die Männer ja offiziell nicht mehr dürfen.
    Jetzt mal im Ernst: Wenn ich eine häklende, yogaliebende Vollzeitmami bin, ist das ganz allein meine Sache! Wenn ich Pilotin ohne Kinder und in einer offenen Beziehung lebend bin, auch! Beide Lebensentwürfe schließen soziales und politisches Engagement nicht aus, beide setzten es aber auch nicht unbedingt voraus. Wenn meine Tochter lieber Fußball spielt anstatt die rhythmische Sportgymnastik zu besuchen, ist das ok, wenn mein Sohn Ballett tanzt (was übrigens, anders als es die geschätzte Frau Fuhljahn wohl denkt, tatsächlich Leistungssport ist), freut mich das genauso, wie wenn er Leichtathlet wird. Umgekehrt ist es aber auch super, solange sie ein schönes Hobby haben, das sie erfüllt und stolz macht.
    Mein Leben, meine Entscheidungen. Und mein Problem, wenn es Konsequenzen gibt, die mir nicht gefallen. Meine Freiheit hört erst dort auf, wo sie die anderer Menschen einschränkt. Und nicht dort, wo sich jemand von Häkelmützchen genervt fühlt. Das ist doch albern…

    Soweit meine ganz unqualifizierten Gedanken. Sozusagen DIY…

    PS: Stellt euch mal vor, den Artikel bei der Brigitte hätte ein Mann geschrieben. Ich wage zu behaupten, man hätte ihn mit Fackeln und Mistgabeln außer Landes gejagt…

  8. Wann hat es eigentlich angefangen, dass im Netz (nur im Netz?) alles so persönlich genommen wird?

    Proserpina hat schon recht: ich tue, was mir gefällt und ich bestimme, was cool ist. Kommt jemand daher und findet mein Hobby doof (oder schlimmer) und will vorschreiben, was cool ist… tjo, sein / ihr Bier. Ich tue die Dinge doch nur, weil sie MICH erfüllen SOLLEN. Wieso sollte ich mich persönlich angegriffen fühlen, wenn jemand, den ich noch nicht mal kenne (und umgekehrt) meinen Lebensstil kritisiert, mit dem ich doch EIGENTLICH glücklich bin?

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