Ein Pflaster für Ebola

Disclaimer: Ich will hier garantiert niemandem ausreden, sich die Neuauflage von „Do they know it’s Christmas“ zu kaufen, sei es nun die deutsche oder die englische Version. Wenn das euer Ding ist, dann bitte gerne. Aber wie das nun mal so ist: Mein Blog, mein Möbelhaus, meine Kamera, meine Meinung.

Also: Reden wir über diese Hilfsaktion. Ich werde mich aus Recherchegründen während des Tippens mit beiden Varianten beschallen lassen. Das war’s dann aber auch mit dem freiwilligen Anhören, bei mir läuft SWR3, wenn ich den Sohn zum Kindergarten und zurück fahre, ich werde das Lied sicher noch öfters hören in der nächsten Zeit. Das ist unvermeidlich, damit habe ich mich abgefunden. Aber.

Ich hab einfach ein Problem mit der ganzen Sache. Na ja, diverse Probleme. Ich versuche mal, das halbwegs übersichtlich zu erläutern.

1. Die Vereinten Nationen bitten Bob Geldof um Hilfe

Diese Tatsache wurde eigentlich immer nur in Nebensätzen erwähnt, aber können wir bitte kurz darüber reden? Die UNO fragt bei Geldof an und meint „Hallo, wir brauchen mehr Kohle für den Kampf gegen Ebola, mach mal was!“. Bin ich eigentlich die Einzige, die das unglaublich beschämend findet für die Vereinten Nationen? Ich meine, das ist die UNO. Die UNO kriegt es nicht auf die Reihe, genug zu unternehmen, um den Menschen in den betroffenen Ländern zu helfen. Also fragt sie Bob Geldof. Ich fass es nicht. Was genau kann diese Organisation eigentlich? Und was folgt als Nächstes? Versteht mich nicht falsch: Ich habe absolut kein Problem damit, dass auch die „kleinen Leute auf der Straße“ etwas zum Kampf gegen Ebola beitragen, aber … ist das nicht die völlige Kapitulation der internationalen Politik, irgendwie?

2. Der klassistisch-kolonialistische Aspekt

Ich hab den Text schon mal verlinkt, aber ich tue es noch mal, diesmal mit Zitat. Bim Adewunmi schreibt über ihre Sicht der Dinge in Sachen „Do they know it’s Christmas“ im Guardian:

There exists a paternalistic way of thinking about Africa, likely exacerbated by the original (and the second, and the third) Band Aid singles, in which it must be “saved”, and usually from itself. We say “Africa” in a way that we would never say “Europe”, or “Asia”. It’s easy to forget, for example, that the virus made its way to Nigeria – Africa’s most populous country and, for many, a potential Ebola tinderbox – and was stamped out only by the efforts of a brave team of local healthcare workers. The popular narrative always places those of us in the west in the position of benevolent elders, helping out poor Africans, mouths always needy and yawning, on their constantly blighted continent, and leaves out harder to pin down villains: local corruption, yes, but also global economic policies that do little to pull some countries out of the depths of entrenched poverty.

Natürlich wird Hilfe gebraucht. Natürlich wird Geld gebraucht. Aber geht das nicht auch ohne die ganze „Guckt, wie heldenhaft! Wir tun was! Wir geben der guten Sache ein Gesicht!“-Präsentation, mit der solche Hilfsaktionen von Prominenten stets einher gehen? Denn gerade das bestärkt doch dieses innere Schulterklopfen, dass eins fühlt, wenn eins die Single kauft. „Da, hurra, ich hab was Gutes getan!“, gefolgt von sofortigem Vergessen der darunterliegenden Katastrophe. Ja, das mag eine Unterstellung meinerseits sein, aber die nehme ich mir jetzt einfach mal heraus, denn es folgt auch gleich das absolute Totschlagargument, dass man sich als hinterfragende Person grundsätzlich anhören muss.

3. „Aber so wird wenigstens geholfen und nicht immer nur gemeckert!“

Ja, natürlich wird so geholfen. Und natürlich bringt es nichts, Band Aid in jeglicher Version einfach als scheiße im Sinne von uncool abzustempeln und selber nichts zu tun. Aber die Annahme, dass Kritiker_innen sich nicht für den Kampf gegen Ebola interessieren, ist nun mal grundfalsch. So wie die grundsätzliche Ansicht, dass alle, die sich für ein in den Augen der anderen unwichtiges Thema engagieren, sich automatisch nicht für „wichtigere“ Dinge interessieren. Es geht, man höre und staune, tatsächlich beides. Ich kann Band Aid 30 als absolut fehlgeleitetes Gutmeinen betrachten und mich dennoch im Kampf gegen Ebola engagieren. Doch, wirklich: Während ich dies tippe, habe ich nebenbei den Tab der Ärzte-ohne-Grenzen-Website offen. Jetzt bin ich grad bei PayPal. Jetzt gebe ich meine persönlichen Daten ein. Jetzt warte ich gerade darauf, dass die Seite lädt. Und jetzt hab ich 50 Euro gespendet. Seht ihr? Geht beides gleichzeitig! The mind boggles.

4. Das Darstellen von Adele als böse Nicht-Mitmacherin

Das macht mich wirklich stinkig. Diese „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“-Mentalität. Diese „Die will nicht mitmachen, buuuuh!“-Petzerei. Gleich gefolgt von den „Scheißegal, ob der Song gut oder schlecht ist, kauft ihn weil GUTER ZWECK MIMIMI!!!einself“-Aufrufen. Leute. Ich finde die deutsche Variante, die ich gerade gehört und gesehen habe, zum die-Wände-Hochkriechen schlecht. Die englische Version ist, na ja, same old, same old. Ich habe direkt an Ärzte ohne Grenzen gespendet. Das ist mir lieber als der zwangsverordnete Kauf einer Single, die ich wie bereits oben geschrieben sicherlich noch zuhauf zwangshören werde. Und das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen. Genau wie es Adele nicht zu einem schlechten Menschen macht, dass sie lieber direkt ans Projekt spendet als mitzusingen. Und ja, auch wenn sie nur „eine Familie großziehen muss“, Bob. Auch dann.

6. „Do they know it’s Christmas?“

They probably don’t care. Denn der Großteil der Bevölkerung in Guinea und Sierra Leone sind muslimischen Glaubens. Aber das nur mal am Rande. Es geht mir um den Gedanken, mal wieder schnell zu Weihnachten was zu spenden, damit man sich ein gutes Gewissen einreden darf. Hey ehrlich, das ist Selbstbelügen der schlimmsten Sorte, und das wissen wir alle. Wie viele der Geschenke, die dieses Jahr unter dem Christbaum liegen, sind denn wirklich ethisch vertretbar produziert? Ich gestehe, bei uns sind das nicht viele. Und darum sollte es doch letztendlich gehen: Die Welt verändern wir nicht, wenn wir zu Weihnachten ein bisschen Geld in einen Download investieren. Oder 50 Euro an Ärzte ohne Grenzen spenden. Die Welt verändern wir, wenn wir täglich das tun, was dazu notwendig ist. Und da tun wir alle, ich ganz vorne mit dabei, viel zu wenig. Und vor allem viel zu selten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Und wenn es sich dabei nur um den Download einer Single handelt, die eigentlich genau so sehr nervt wie „Last Christmas“, aber das darf man ja nicht sagen, weil guter Zweck.

Abgrundtiefer Seufzer.

TL;DR: Ich weiß doch auch nicht. Kauft es, lasst es. Aber lasst Adele in Ruhe.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.