Nicht dumm

Ich unterbreche die krankheitsbedingte Blog-Abwesenheit meinerseits, um etwas anzusprechen, das mir schon eine ganze Weile sauer aufstößt. Und zwar geht es darum, dass die ganzen PEGIDA-Leute aus Prinzip fast überall als „dumm“ bezeichnet werden. Dumm. Das ist auf so vielen Ebenen haarsträubend. Lass es mich mal runterbrechen.

Erstens mal ist „dumm“ ja ein ziemlich schwammiger Begriff. Was macht jemanden „dumm“? Dass eins eine schlechte Schulausbildung hat? Dass eins ein eher naives Konzept der Welt hat? Die Lebensumstände, also Einkommen, Interessen, etc.? Keine Begabung fürs Argumentieren?

Ich weiß ja nicht, aber all diese Definitionen klingen für mich ganz fürchterlich arrogant und ableistisch. Und links. Und schon blutet mein linkes Herz, denn das Thema der linken Intellektualität als automatisch weniger populistisch und damit besser als die rechte … ja, was denn? „Bauernschläue“ gemischt mit „dumpfen Parolen“? Diese Haltung, dass eins als linke Person automatisch klüger ist als mit allen anderen politischen Gesinnungen – sie vergiftet so viel.

Wie zum Beispiel die, und damit komme ich zum zweiten Punkt, Diskussion um PEGIDA. Natürlich ist es einfach, diese Leute als nicht intelligent genug zu betiteln, um eine bessere Meinung von dem zu haben, das sie kritisieren. Damit entziehen wir uns ja auch gleichzeitig der Auseinandersetzung mit dem Thema. Ist ja auch ein tolles Diskussionsniveau. „Ausländer raus!“ – „Ihr seid doof!“, nun ja, Debatten dieser Eloquenz führe ich täglich mit meinem Fünfjährigen. Interessanterweise hilft das uns beiden nicht weiter. Und euch so?

Aber nun zu Punkt drei: Hallo PEGIDA-Leute, damit richte ich mich direkt an euch. Wisst ihr, ich bin nicht der Meinung, dass ihr dumm seid. Ich seh das nicht so. Aber freut euch nicht zu früh, ich beschuldige euch nämlich mit etwas, das letztendlich viel übler ist als „Dummheit“, in welcher Form sie auch kommen mag.

PEGIDA-Leute, ihr seid faul.

Und bevor mir jetzt wer mit „hart arbeitende Deutsche, faules Ausländerpack bla blubb!!!“ kommt: Oh, ich spreche nicht von physischer Faulheit. Mir geht es um die Faulheit des Geistes. Ihr seid zu faul, euch selbst und andere zu hinterfragen. Ihr geht davon aus, dass alles Negative einen personalisierbaren Grund außerhalb eurer direkten Lebenswelt besitzen muss, und den findet ihr in dem schwammigen Feindbild, dass euch servierfertig auf dem Silbertablett präsentiert wird.

Versteht mich nicht falsch: Ich halte euch nicht für so naiv, dass ihr von ominösen Demagogen komplett dahingehend verführt werdet, an dieses Feindbild zu glauben. Noch will ich ebendiese Leute von Schuld freisprechen. Im Gegenteil, ohne sie hätten wir diesen ganzen Schlamassel bestimmt nicht. Und ja, werte Parteipolitik aller Couleur, sogenannte „Systempresse“ und Verschwörungstheoretiker_innen dieser Welt: Damit seid ihr gemeint. Alle.

Aber Mitläufer sind nicht unschuldige, harmlose kleine Kuschelschäfchen, die versehentlich in so etwas hineinrutschen und gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Nee, diese Ausrede zählt nicht. Wer mitläuft, hat irgendwann die Entscheidung getroffen, andere für sich sprechen und denken zu lassen. Und das ist nicht dumm. Das ist faul.

Mir ist neulich im Kommentar eines PEGIDA-Supporters eine Phrase begegnet, über die ich mich zugegebenermaßen erst mal eine Weile beömmelt habe: „Die gefühlte Statistik sieht anders aus!“. Ja. Nun klingt das erst mal ziemlich abstrus, aber ich verstehe schon, was damit gemeint ist: Das Bedürfnis, seinen Emotionen eine faktische Bedeutung zuzuweisen. Und oh, wie gut ich das kenne. Ich hatte jahrelang Panikattacken, ich habe noch immer Depressionen, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Körper und Psyche einer Person extrem glaubwürdig einreden, dass irgendetwas ganz fürchterlich schief läuft. Und ich weiß auch, dass eins sich in dieser Situation nichts dringender wünscht als die Versicherung, dass diese Gefühle legitim sind. Denn die Alternative dazu ist eine sehr unangenehme Erkenntnis: Wenn die Angst, die ich verspüre, nicht faktisch gerechtfertigt ist, was sagt das dann über mich aus?

Wenn die Statistik mir erklärt, dass das Abendland nicht im Geringsten islamisiert wird und ich mich dennoch so sehr davor fürchte, dass ich bereit bin, dafür auf die Straße zu gehen, natürlich im Schutz der Masse … woher kommt diese Furcht dann, unbegründbar, unbelegbar, aber dennoch offensichtlich stark gefühlt?

Sie kommt daher, dass es immer einfacher ist, einen Sündenbock zu finden, als den Status Quo zu ändern. „Ich hab nichts gegen Fremde, viele meiner besten Freunde sind Fremde, aber diese Fremden da, die sind nicht von hier“, sagt Methusalix in einem Asterixband, Methusalix, das Zeichnung gewordene Ebenbild des heutigen Systems. Altersgeplagt, mürrisch, in seiner Haltung unbewegbar, aber dennoch respektiert, weil schon immer irgendwie da. Und ich verrate euch jetzt eine bittere Wahrheit, PEGIDA-Leute: Ihr seid nicht gegen das System, ihr unterstützt das System.

Mist, was?

Wenn ihr wirklich gegen das System sein wollt, wenn ihr wirklich wollt, das sich etwas ändert, und wenn ihr wirklich wollt, dass es euch besser geht, dann stellt euch eurer Faulheit und hinterfragt euch. Hinterfragt eure Argumente und eure Antworten – glaubt mir, wenn sie einfach sind, dann sind sie nicht die richtigen. Hinterfragt die Gründe eurer Wut und die Feindbilder in eurem Kopf. Und lasst euch gesagt sein, dass wir uns alle manchmal ängstlich, hilflos und wütend fühlen, egal welcher politischen Überzeugung wir sind.

Denn da draußen ist so viel und es ist so groß. Und vieles davon ist schlimm. Aber es ändert sich nicht zum Besseren, indem wir beschließen, dass es an genau diesen Leuten da liegt und sonst an nichts.

Wie wär’s, wenn ihr das auf eure Banner schreiben würdet, was ihr wirklich empfindet, nämlich „Ich hab Angst und ich weiß nicht wohin damit!“? Das ist nämlich durchaus nachvollziehbar. Das werden alle verstehen. Aber eure Schlussfolgerungen und eure Projektionen, die nicht. Denn sie sind das Ergebnis von Faulheit. Und um es mit den paraphrasierten Worten einer Freundin meiner Schwiegereltern zu sagen: Den „Dummen“, also denen, die verstehen wollen, aber mehr Erklärungen und Hilfe und eine dargereichte Hand dabei brauchen, denen wird geholfen. Den Faulen nicht.

Und solange ihr zu faul seid um zu akzeptieren, dass alle Menschen gleichwertig sind, dass gefühlte Statistiken eben doch nur „gefühlt“ sind und dass Sündenböcke uns noch nie von unseren Sünden befreit haben, auch dann nicht, wenn sie vor rund 2000 Jahren um diese Jahreszeit geboren wurden:

Solange stehe ich hier und lasse euch nicht durch. Macht mich platt, wenn es sein muss, aber ich gehe nicht freiwillig weg.

You shall not pass.

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