Warum ich nicht Charlie sein möchte

So viele „Je suis Charlie“-Avatare derzeit in den sozialen Medien. So viele Diskussionen, so viele Streitereien, so viel Aneignung und Missbrauch, so viele Missverständnisse und Erklärungsversuche.

Niemand wird mir das Attentat auf Charlie Hebdo je erklären können, nicht so, dass ich es begreifen kann. Egal wie die sicherlich intensivst ausgeleuchtenden Hintergründe der Täter aussehen mögen, egal wie die Jagd auf sie endet – das Warum werde ich nie wirklich erfassen. Möchte ich auch nicht. Ich will die Gefühle und Überlegungen nicht nachvollziehen können, die jemanden zu so einer Tat treiben.

Es gibt keinen Grund, der gut genug sein könnte, andere Menschen zu töten. Punkt. Die zwölf Opfer – von denen übrigens nicht alle der Redaktion von Charlie Hebdo angehörten, lasst uns das nicht vergessen – sind nichts anderes als genau das: Opfer. Sie sind nicht im Geringsten für ihren Tod verantwortlich. Sie haben nichts getan, um ihren Tod zu verdienen. Da gibt es kein Wenn und kein Aber.

Und dennoch möchte ich nicht Charlie sein. Mir ist klar, dass es im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod dieser Menschen kleinlich erscheinen mag, wie eine Übung in Semantik, differenzieren zu wollen. Ich verstehe die Missbilligung, die denjenigen entgegenschlägt, die das tun. Aber ich kann nicht anders. Ich kann mich nicht hinstellen und sagen, dass ich Charlie bin, denn ich identifiziere mich nicht im Geringsten mit dem Inhalt der Zeitschrift.

„Aber es geht jetzt nicht um Rassismus, Sexismus, Homophobie und deren problematische Darstellung, es geht um die Opfer!“

Ja, ich weiß. Wie ich oben schrieb: Den Opfern ist nichts vorzuwerfen. Es gibt hier kein Victim Blaming. Sie haben ihren Tod weder herausgefordert noch verdient. Und dennoch waren die Inhalte von Charlie Hebdo nicht mein Ding. Ich kann die Redaktion der Zeitschrift jetzt nicht künstlich überhöhen für ihre Arbeit, nur weil ein Teil von ihnen tot ist. Wenn mich das in den Augen anderer zu einem schlechten Menschen macht, so ist das halt so. Aber für mich gilt die Maxime – und ja, auch im absolut persönlich privaten Bereich, dort erst recht – von Voltaire:

Den Lebenden schuldet man Respekt, aber den Toten schuldet man nichts als die Wahrheit.

Ich weiß nicht, ob sich die ermordeten Redaktionsmitglieder von Charlie Hebdo wünschen würden, dass man sie nach ihrem Tod als Märtyrer der guten Sache darstellt. Höchstwahrscheinlich würden sie lieber weiterleben und weiter provozieren. Vielleicht würden sie sich wünschen, dass man sie im Tod so wahrnimmt wie im Leben: Als ebendiese Provokateure im gefühlten Interesse der Meinungsfreiheit.

„Eben, die Meinungsfreiheit! Sie sind für die Meinungsfreiheit gestorben!“

In meinen Augen sind sie völlig sinnlos gestorben. Ich verstehe den Drang, dieser Tat eine tiefere Bedeutung zu verleihen, denn wie sonst soll man sie auch nur ansatzweise begreifen können? Aber ein Märtyrertod erfordert ein bewusstes Opfer. Natürlich waren sich die Leute von Charlie Hebdo der Gefahr bewusst, der sie sich aussetzten, das zeigen allein die jüngere Geschichte der Zeitschrift und der anwesende Polizeischutz. Und ja, es erfordert sicherlich Mut, sich hinzustellen und weiterzumachen, obwohl man weiß, dass es lebensgefährlich sein kann. Und doch … sie hatten keine freie Wahl, sich zu entscheiden, ob sie wirklich für ihre Arbeit sterben wollen. Sie wurden einfach niedergemetzelt.

Natürlich ist Charlie Hebdo auch ein Symbol für eine gewisse Form der Meinungsfreiheit. Nur ist es die Meinungsfreiheit derjenigen, die sich gewohnt sind, ihre Meinung frei äußern zu können – wie es überhaupt gerne diese Menschen sind, die dann auf dieses Recht pochen. Und Meinungsfreiheit bedeutet eben auch, dass man für diese Meinung kritisiert werden darf. Kritisiert. Nicht ermordet. Niemals ermordet oder auch nur mit Gewalt bedroht.

„Aber Charlie Hebdo hat sich über alle lustig gemacht und alle Religionen und Menschen gleich behandelt!“

Ja. Und da haben wir auch gleich den Hauptgrund, weswegen ich nicht Charlie Hebdo sein möchte. Gleichbehandlung im Humor, in der Satire, funktioniert nur dann, wenn auch in der Realität Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung bestehen. Und das tun sie nicht. Weswegen manche Karikaturen von Charlie Hebdo nun mal problematisch sind. Es ist eine Sache, wenn wir uns über uns selbst lustig machen – uns als christliche Europäer_innen, als Heterosexuelle, als Weiße. Es ist etwas ganz anderes, wenn eine Person über Leute anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung etc. Witze reißt. Das gilt auch für Karikaturen. Nein, ich will damit niemandem den Mund verbieten. Es geht mir nur darum:

Ja, Satire darf nicht nur laut Tucholsky alles. Sie wird aber nicht automatisch zu guter Satire, nur weil sie weiter geht als andere. Satire, die nach unten tritt, also auf Menschen abzielt, die weniger der „europäischen Norm“ entsprechen als die Autor_innen, die weniger privilegiert sind, ist problematisch. Das bedeutet nicht, dass sie nicht veröffentlicht werden darf. Natürlich darf sie das. Aber sie darf auch kritisiert werden. Und damit rassistisch, sexistisch, homophob genannt werden, wenn sie es ist. Egal was ihren Autor_innen zugestoßen ist.

Und deswegen, weil ich mich mit meiner Weltansicht von Charlie Hebdo nicht repräsentiert sehe, bin ich nicht Charlie. Ich stehe dennoch solidarisch neben euch, auch wenn ihr mich vielleicht nicht da haben wollt, denn es geht mir darum, mich Gewalt jeglicher Art entgegen zu stellen, dafür einzustehen, dass solche Taten sich nicht wiederholen dürfen und Stellung gegen jegliche Art von Schwarz-Weiß-Denken zu beziehen. Aber zwingt mich nicht dazu, dafür meine Grauschattierungen und meine Regenbogenfarben abzugeben. Ich bin nicht automatisch gegen euch, nur weil ich nicht blindlings für euch bin.

Ich bin nicht Charlie. Aber ich trauere um die Menschen Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Georges Wolinski, Bernard Verlhac, Philippe Honoré, Moustapha Ourrad, Elsa Cayat, Bernard Maris, Michel Renaud, Frédéric Boisseau, Franck Brinsolaro und Ahmed Merabet.

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10 Gedanken zu “Warum ich nicht Charlie sein möchte

  1. Moin,
    ich unterstütze deine Aussagen, bis auf einen Punkt. Ich lehne Gewalt nicht generell ab und sehe Situationen, die für mich eine Tötung von Menschen rechtfertigt. Das wäre für mich zu schwarz-weiß 😉
    In diesem Fall lag aber keine dieser Situationen vor.
    Insofern: bis auf diesen Punkt: Zustimmung.

  2. Ich finde es gut, dass du etwas nicht automatisch teilst, wenn du nicht voll dahinterstehst. Ich finde, darüber muss man nicht diskutieren. Du machst es genau richtig. Ich habe das Bild geteilt, weil ich es für mich als richtig erachtet habe – aus Respekt gegenüber den Menschen und den (fernen) Kollegen. Aber ich teile auch nicht für jeden toten Menschen ein Bild, was man vielleicht zwangsläufig tun sollte. Für mich steht das Bild weniger für die Meinungsfreiheit als dafür, dass das Attentat keinen Hass und vor allem keinen Krieg der Religionen auslösen soll. Ich weiß nicht, ob andere das auch so sehen. Aber für mich ist das so.

  3. „Je suis Charlie“ und ich respektiere deine Meinung, dass du dir dieses Label nicht aufdrücken möchtest. Ich sehe jedoch, dass du eigentlich die gleiche Kernaussage vertrittst: Auch wenn jemand eine andere Meinung hat, hat niemand das Recht, diesen dafür zu töten.
    Mit welchem Hashtag du das versiehst oder ob du das Satire-Magazin inhaltlich kritisiert hast, ist ja nicht so wichtig. Du bist also herzlich eingeladen, dich „solidarisch daneben zustellen“. 😉

  4. > Niemand wird mir das Attentat auf Charlie
    > Hebdo je erklären können, nicht so, dass
    > ich es begreifen kann.

    Die Mitarbeiter haben den Propheten beleidigt und wurden dafür ganz normal nach den Buchstaben des Gesetzes bestraft. Kennst Du denn etwa die Regeln nicht?

  5. Du hast offensichtlich nicht verstanden, worum es hier geht. Es ist völlig unerheblich, welche Inhalte Charlie Hebdo transportiert (hat), hier geht es um einen Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit auf unsere demokratische Grundordnung. Und es geht darum, sich in solch einer Situation mit den Opfern uneingeschränkt solidarisch zu zeigen. In dieser Situation eine „Aber die Inhalte waren ja auch kritisch“ Diskussion anzufangen, hat zwangsläufig den Unterton, die Taten zu relativieren, wie sehr auch immer du das hier abzustreiten versuchst.

    • genau so sehe ich es auch, der ganze Artikel geht in eine Richtung, die sogar Marine Le Pen, die AfD oder Pegida und Putin teilen könnten.
      Das Trennende zu suchen und Inhalte relativieren, ohne die unschätzbaren Werte zu erkennen, denen dieser Anschlag galt, nur um sich intellektuell von dieser Masse der Solidarität abzusetzen, ist einfach zu billig.

    • Ich denke du hast den Artikel überhaupt nicht verstanden. Es geht darum, dass man auch solidarisch sein kann ohne „Charlie zu sein“, ohne diese Bild/ diesen Hashtag (was auch immer) teilen zu müssen. Das würde ja immerhin auch gegen die Meinungfreiheit gehen, wenn jede Person die nicht Charlie ist, automatisch als Terrorismus-Sympatisant abgestempelt wird.
      Man muss sich nicht als Charlie identifizieren, um mitgefühl zu haben. Außerdem können wir nicht Charlie sein, weil wir (ich zumindest) zu dieser Zeit nicht in Paris waren und diesen Terror, diese Angst miterleben mussten. Ich stehe nicht für das was Charlie Hebdo ausdrückt, aber ich denke man sollte nichts zensieren. Deswegen trauere auch ich sehr um die vielen Menschen die bei diesem Vorfall ihr Leben verloren haben.
      War leider nur ein kleiner Teil von dem was ich sagen wollte, aber ich hoffe du verstehst es jetzt vielleicht besser

  6. Ich bin auch nicht Charlie. Deinem Artikel kann ich uneingeschränkt zustimmen. Ich lese auch nicht heraus, dass du die Ereignisse relativieren willst, indem du kritisch zu Charlies Inhalten stehst, wie Hans behauptet. In einer Nation der Meinungsfreiheit darf nicht nur die Satire alles, auch dir und mir sollte erlaubt sein zu sagen: Ich bin nicht Charlie. Das bedeutet ja nicht, dass uns die Geschehnisse nicht betroffen gemacht haben!

  7. Ich fürchte, Du hast die Intention von „Je suis Charlie“ überhaupt nicht verstanden, denn die hat gar nichts mit den Inhalten von Charlie Hebdo zu tun.
    Es ist vielmehr der verbindende weltweite Ausdruck von Solidarität mit der praktizierten Freiheit des Menschen jenseits aller ideologischen Grenzen, aber auch nicht weniger.
    Statt Trennendes zu suchen, solltest auch Du das Verbindende finden und dafür demonstrieren, egal in welcher Form.

    Dies hier ist ganz klar der falsche Weg.

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