Mal schauen

Contentwarnung: Suizidgedanken, Selbstverletzung, Depressionen (ich fühl mich irgendwie verpflichtet, das da hinzuschreiben, ja)

Ich bin derzeit gerade daran, meine Antidepressiva zu reduzieren. Ja, mit dem Segen und unter der Kontrolle meines Arztes, keine Sorge. Ich bemerke auch nicht wirklich heftige Nebenwirkungen, die „Brain Zaps“, die beim Ausschleichen von Citalopram üblich zu sein scheinen, haben sich bei mir noch nicht bemerkbar gemacht. Zugegebenermaßen, ich bin auch erst seit drei Wochen um zehn Gramm runter, vielleicht passiert das noch. Eigentlich bin ich vor allem eins: Müde. So müde.

Das ist aber okay, ich bin im Moment einfach auch ziemlich entkräftet – einerseits macht mir der Winter eh immer zu schaffen, wenn er so grau ist wie dieser (oder der letzte). Und andererseits hatte ich bisher einfach noch nicht die Chance, mich von der Weihnachtszeit zu erholen, durch die ich mich mühsam geschleppt habe, statt mich komplett einzuigeln, wie es aufgrund meiner Sinusitis nötig gewesen wäre. Natürlich, der Mann hat wieder mal Übermenschliches geleistet, um mir den Rücken freizuhalten, aber Erholung mit Kind im Haus geht nun mal nur bedingt. Deswegen krieche ich jetzt auf dem Zahnfleisch in Richtung Geburtstagswochenende, das ich alleine in Köln verbringen werde. Und das ist gut so. Ich brauche dringend ein paar Tage, in denen ich mal alle Alltagsrollen ablegen und einfach nur ich sein kann, wie es mir gerade passt. Ist nun mal so, ich kann nur dann eine brauchbare Mutter sein, wenn ich auch mal ne Runde nicht Mutter sein darf. Natürlich in Absprache mit allen Beteiligten.

(Und mal ehrlich: Solange ich meinen Geburtstag nicht mit verehrten Off- und Onlinebekanntschaften als Überraschungsparty mit Hüpfburg, Karaoke und DVD-Abend mit Kissenschlacht verbringen darf, kann ich ihn auch alleine verbringen. Hmpf.)

Und nun also zusätzlich keine Antidepressiva mehr. Das hat seine guten Gründe, wirklich. Es geht mir nicht darum, dass ich derzeit gerade nicht in einer depressiven Phase bin (und glaubt mir, den Unterschied erkenne ich mittlerweile sehr schnell) und es folglich „aushalten“ kann, ohne Medikamente zu leben. Diesem Trugschluss gebe ich mich nicht hin. Depression ist lebenslänglich, da mache ich mir keine Illusionen. Ich hadere aber auch nicht mehr so oft damit, es ist halt, wie es ist. Aber dieses Medikament, es hilft mir nicht mehr. Vermutlich tat es das anfangs, im Herbst 2012, vielleicht war es auch nur meine Euphorie darüber, dass ich etwas gegen die Depression unternehme, das ich sehen, greifen, schlucken kann, etwas „Wirkliches“.

Nur: Wenn es mir in den gut zwei Jahren, in denen ich Citalopram genommen habe, mal schlecht ging (und das tat es in jeder depressiven Phase), dann ging es mir auf eine andere, viel perfidere Art schlecht als ohne das Medikament. Davor war ich einfach nur komplett verzweifelt, hilflos am Heulen und außer Stande, irgendetwas gegen das Tief zu unternehmen. Mit Citalopram fielen mir Lösungen ein. Die allerdings keine waren.

Sagen wir es kurz und knapp: Die immer wieder auftauchenden Verletzungen an meinem Arm stammten nicht vom Hund. Ich hab geübt. Und gegoogelt. Oh, was ich alles an Methoden gegoogelt habe. Aber hey, bevor sich irgendjemand jetzt panisch meldet: Ich hab ja offensichtlich nichts unternommen. Aus zwei Gründen: Logistik und Rücksicht. Ich hab in Australien mal die Jogginghose meines damaligen Freundes ausgewaschen, nachdem er, der Krankenpflegeschüler, ein Mädchen in unserem Studentenheim gerettet hatte, das sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Ich weiß also durchaus, welche Sauerei bei sowas entstehen kann. Das würde ich niemandem antun wollen, genau so wenig wie irgendwelche Schuldgefühle und … überhaupt. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass für mich niemals eine akute Gefährdung bestand, aber diese gedanklich fast schon klinische Klarheit, mit der mich die Depression anlog und mir einredete, was mir helfen würde … nee. Mich schaudert.

Nun ist es natürlich so: Die Erinnerung an diese Momente ist noch viel frischer als die Erinnerung an die Zeit, in der ich keine Psychopharmaka nahm, deswegen kann es gut sein, dass sich die hilflose Verwirrtheit, der Fight-or-Flight-Kampf ohne Auftauchen irgendwelcher vermeintlicher Auswege noch schlimmer anfühlt. Ich weiß es nicht. Ich werde es vermutlich erst beurteilen können, wenn ich das nächste Mal von dem unsichtbaren Monster mit der Keule hinter mir in eine Depression geprügelt werde. Natürlich bin ich der Meinung, mittlerweile psychisch besser ausgestattet zu sein, und das bin ich auch zu einem gewissen Grad so objektiv wie möglich gesehen. Aber machen wir uns nichts vor: Depressionen finden immer wieder neue Wege, einer Person die eigene Wertlosigkeit einzureden.

Es ist also ein Experiment, das Absetzen der Antidepressiva. Ich habe mehr Ressourcen als vorher, ich habe bereits verschiedene Alternativen im Hinterkopf, und über die eine davon, eine Verhaltenstherapie, die mir bei diversen anderen Lebensbaustellen auch Hilfe leisten könnte, werde ich sicherlich mit meinem Hausarzt beim nächsten Termin reden. Der ist im April, da werde ich ziemlich genau einen Monat psychopharmakafrei sein.

Es wird also spannend, und ich hoffe, es wird nicht allzu viele Auswirkungen auf mein Umfeld haben – aber einfach so weitermachen, obwohl weder mir noch sonst jemandem gedient ist, ist keine Option. Und ich gratuliere mir selber zu dem Mut, diese Entscheidung zu treffen, obwohl ich mir ihrer Konsequenzen bewusst bin. Obwohl. Und deswegen.

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2 Gedanken zu “Mal schauen

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