Fürs Leben lernen

Der Sohn malt und zeichnet zwar gerne, aber vermutlich nach allgemeinen Altersstandards nicht unbedingt gut. Mittlerweile ist immerhin das Meiste gegenständlich, und ich sage mir: Hauptsache wir sehen Fortschritte. Tun wir auch, die Strich-, naja, die Kugelbauchmännchen haben Augen, Ohren, Haare und diverse Finger an jeder Hand. Die Landschaftsbilder sind auch als solche identifizierbar, und wenn ich mal gar nichts verstehe, werde ich von Bastian schnell aufgeklärt: „Das ist ein Knopf, da kann man drauf drücken, wenn sich ein Kind schlecht benimmt, dann kommt es in den Käfig! Außer es will nicht.“

Sowieso sind ihm die Geschichten zu den Bildern immer wichtiger als das eigentliche Design – das war schon vor dem Kindergarten so, als er jeweils nur Kleckse und Punkte malte, die allerdings abenteuerliche Storys erzählten: „Das ist der Geldspeicher, und hier rennen die Panzerknacker davon, und da verfolgt sie der Onkel Dagobert und HIER HAT ER SIE ERWISCHT!!!“. Und was soll ich sagen, seine Fantasie liegt mir viel mehr am Herzen als technische Perfektion.

Manchmal überkommt ihn aber dann doch die Faulheit. Das ist zum Beispiel bei der Tollabox gerne so, die wir ja mittlerweile abonniert haben und die ich sehr empfehlen kann. Er mag es total, mit Mama im Wohnzimmer zu sitzen, die beiliegende Geschichte vorgelesen zu kriegen oder sie auf CD zu hören. Und er will natürlich auch mit den Sachen spielen, die im Paket dabei sind – aber Basteln, das soll doch bitte die Mama. Nun ist es natürlich so, dass die Mama nur allzu gerne alles alleine basteln würde, weil die Mama leidenschaftlich gerne bastelt. Aber: Er selbst soll ja auch. Mit der Herausforderung, dabei meinen Perfektionismus runterzuschrauben, komme ich mittlerweile halbwegs zurecht (Merke: Die Tollabox bietet also nicht nur Lektionen fürs Leben für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen!). Nur mag ich nicht immer „Ich kann das niiiiicht!“ hören. Gerade wenn’s ums Ausmalen geht: „Ich kann nicht so gut ausmalen!“. Und damit ist die Sache dann erledigt?

Nee. Wir sitzen hier gerade an den Bastelbögen aus der letzten Tollabox. Kurzer Einschub, das Thema lautete: Indianer. Und nein, ich gehe jetzt nicht auf die kürzlich aktuelle Diskussion zum Thema Fasnachtskostüme et al. ein, ich bin da mit ringelmiez absolut einer Meinung. Nur: Wir leben ja nicht in einem Vakuum, und wenn ich merke, dass mir etwas zu verallgemeinernd, vereinfachend oder sonstwie problematisch erscheint, nehme ich das als Basis, um Bastian die schwierigeren Aspekte zu erläutern. So auch bei der Tollabox, die ich dann einfach als Startpunkt nahm, um dem Sohn nebenher zu erklären, was mit Ureinwohnern gerne mal passiert. Mache ich auch bei dem einen Vorlesebuch so, in dem vom Verkleiden als Fahrende die Rede ist, nur dass natürlich das Z-Wort benutzt wird. Wisst ihr, ich verzettle mich da nicht in ellenlangen Vorträgen, ich sage einfach: „Schau, die Leute selbst bevorzugen Fahrende, also sollten wir sie aus Respekt auch so nennen.“ (Ist „Fahrende“ eigentlich ein Helvetismus? Wie sieht das in Deutschland aus?“)

Aber zurück zum Basteln. Wir haben hier also diverse Papierbögen mit Tipis, Pferden, einem Totempfahl und so weiter, die ausgemalt werden sollen. Und zwar nicht nur von mir. Da Bastian heute krank zuhause ist und die nächste Tollabox vermutlich heute geliefert wird, war ich der Meinung, dass wir da jetzt mal fertigbasteln. Das Flüsterpferd hab ich mal eben schnell zusammengesetzt, das hat sich dadurch bedankt, dass es dem Sohn gleich mal ins Ohr gekackt hat. Sagt der Sohn. Ich weiß ja nicht. Und nun sind also die Ausmalbögen drann. Ein Tipi ist schon fertig, und als Bastian wieder zu seiner „Ich mal aber nicht gerne auuuus …“-Litanei ansetzen wollte, meinte ich schnell: „Schau, Bastian, es ist so: Wenn man etwas nicht kann, dann muss man es halt ganz oft machen, dann wird man hoffentlich irgendwann besser. Ich musste ja auch ganz oft mit meinem Fahrlehrer autofahren, bis ich es so gut konnte, dass ich den Führerschein gekriegt hab, und das fand ich auch nicht so toll.“ – „Ja, und Papa und ich haben neulich in Steinen einen Fahrlehrer mit einem Motorrad gesehen!!!“ – „Ähhh … genau.“

Irgendwie muss das Beispiel mit dem Autofahren funktioniert haben. Auf jeden Fall hat er sich jetzt seine Buntstifte, einen der Papierbögen und die Tollabox-Pappschachtel als Unterlage geschnappt und mal fleißig und sehr genau eine der Pferdefiguren aus.

„Guck mal, wie toll ich das mache, Mama! Ich muss mich konzentrieren. ICH LERNE.“

(Themen, zu denen ich mir dann mal keine Sorgen mache: Die Basisuntersuchung zur Einschulung nächste Woche.)

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