Not your inspiration

(Content Note: Diet talk (nicht im Sinne von Gewichtsverlust), Essstörungen, Fäkalien, fehlgeleitete Inspiration, Fat Hate, Gefluche … na ja, das Übliche vermutlich. Seufz.)

Ich arbeite derzeit an meiner Ernährung. Nein, das bedeutet nicht automatisch gleich „Ich will abnehmen“. Natürlich gibt es da in meinem Hinterkopf das Stimmchen, dass sich bei jeglicher Veränderung der Essgewohnheiten denkt „Und vielleicht nehme ich ja auch ab dabei, yay!“, aber das ist nicht meine Hauptmotivation, und ich mag dem Stimmchen auch nicht wirklich irgendwelche Aufmerksamkeit schenken – es wird, genau wie meine diversen Essstörungen, vermutlich immer da sein. Ich muss ihm aber nicht gestatten, mein Leben zu dirigieren, ich streck ihm einfach den mentalen Mittelfinger entgegen und gut ist.

Die ernährungstechnische Tatsache ist einfach, dass mein Blutzucker derzeit schwer unter Kontrolle zu bringen ist und meine Verdauung nach der Entfernung der Gallenblase total lustige Haha-Kapriolen schlägt und ich mal eben eine Runde herausfinden muss, mit welchen Lebensmitteln das zusammenhängt. Und ja, es kann sein, dass eine Optimierung meiner Essgewohnheiten bzw. meines Bewegungsverhaltens einen gewissen Gewichtsverlust nach sich ziehen wird, aber das ist allerhöchstens ein Nebeneffekt, mir geht es wirklich um die gesundheitlichen Aspekte.

Obacht: Ich möchte hiermit einen Disclaimer anbringen, den bitte alle berücksichtigen sollen, die das hier lesen: Dieses Verhalten macht mich nicht zum good Fatty. Ihr wisst schon, die dicke Person, die das tut, was eins gemeinhin von dicken Personen erwartet: Sich Sorgen um ihre Gesundheit machen und deswegen „gesund essen“ und „Sport treiben“. Ich mach das für mich, weil ich keine Lust auf Diabetes-Komplikationen und Dauer-Dünnpfiff habe. Was mit Diabetikern passieren kann, konnte ich bei meiner Mutter beobachten, weswegen ich auch allen „Aber aber aber Diabeeeeteeeees!!!“-Krähern gerne in den theatralisch aufgerissenen Mund spucken möchte. Und zum Thema Verdauungsprobleme habe ich seit 25 Jahren eine ambivalente Haltung, seit ich damals mithilfe von massivem Abführmittelkonsum erstens meine Verdauung komplett ruiniert und zweitens als temporären Nebeneffekt so viel abgenommen habe, dass ich eine Weile im Normbereich lag (und der Nebeneffekt davon war im Übrigen lediglich, dass sich beschissene Typen für mich interessiert haben, die mein geschädigtes Selbstbewusstsein auf widerlichste Weise ausgenutzt haben). Will sagen: Das Hinterkopfstimmchen hat immer auch dann einen hoffnungsvollen Auftritt, wenn ich zu viel Zeit auf dem Klo verbringe, und können wir mal eben festhalten, wie pervers das eigentlich ist?

Sollte ich also versehentlich abnehmen, möchte ich bitte keinen Applaus. Und ich möchte bitte auch niemanden inspirieren. Versteht mich nicht falsch, ich möchte eigentlich sehr gerne sehr viele Leute inspirieren (all shall love me and despair!), aber bestimmt nicht, indem ich mich dem System anpasse, auf welche Weise auch immer. Ich möchte also bitte auch nicht als „schmeichelhaft“ angezogene Dicke inspirieren. Als Dicke, die „trotz allem“ irgendwelche tollen Sachen macht, die sich was traut, „obwohl“. Und vor allem: Als Dicke, die alles tut, um ihr so offensichtliches Manko anderweitig zu kompensieren.

Denn so läuft es doch allgemein mit Marginalisierten: Wer konform ist, wer kompensiert, vielleicht sogar überkompensiert, der wird gebilligt und bei entsprechender Leistung sogar als vermeintliches Vorbild dargestellt: Guckt mal, was die können, obwohl sie eine Behinderung haben/eine andere Hautfarbe/eine psychische Krankheit/etc.! Da kannst du als „normaler“ Mensch doch wohl dies, jenes oder was anderes, also beklag dich nicht! Denk mal an die Kinder in Afrika! Klar, manchmal hilft diese Reaktion den Betroffenen, die als „Inspiration“ wahrgenommen werden. Manchmal gibt sie ihnen das Gefühl, „trotz allem“ ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Aber halten wir es doch bitte (mal wieder …) ein für allemal fest: Alle da draußen sind erst mal wertvolle Mitglieder der Gesellschaft. Egal wie sie aussehen. Egal was ihnen „fehlt“ oder was an ihnen „zu viel“ ist. Der Wert eines Menschen entscheidet sich über bewusstes Verhalten, nicht über Körperlichkeiten. Punkt. (Und „bewusstes Verhalten“ bedeutet hier nicht „normkonformes“ Verhalten, sondern Verhalten, das zur Verbesserung der Gesellschaft beiträgt. Für alle.)

Und Fragen wie „Wie schaffst du das? Ich könnte das ja nie …“ sind kein Kompliment, auch wenn sie so gemeint sind. Denn in den meisten Fällen hat das gefühlt inspirierende Gegenüber schlichtweg keine Wahl. Was bleibt anderes übrig? Kapitulation, ohohoh, Kapitulation? Ich schreibe beispielsweise offensiv über meine Depressionen/Angstzustände, weil es mir hilft, meine Gedanken dazu auszuformulieren. Und weil mir der Gedanke gefällt, dass ich irgendjemandem da draußen vielleicht helfe, weil diese Person ähnliche Gedanken hegt, sie aber eben nicht in die passenden Worte fassen kann. Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass ich unbedingt um jeden Preis die heldenhafte psychisch Kranke sein möchte, die andere „Kranke“ oder gar „Gesunde“ inspiriert. Vorrangig will ich mich dadurch besser fühlen. Alles andere ist nur ein Nebeneffekt, und im Fall von „Gesunden“ beim besten Willen nicht gewünscht. Ich bin nicht euer „Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie diese da!“. Fuck that shit.

Aber ich eigne mich ja glücklicherweise auch nicht als Flaggschiff einer Bewegung, dafür bin ich demografisch zu uninteressant, optisch zu wenig normschön und unternehme zu wenig spannende, herausfordernde Aktivitäten. Womit wir wieder beim Kompensieren wären: Möchte ich z.B. im Mainstream als Body-Acceptance-Aktivistin wahrgenommen werden, müsste ich mich eher in Richtung Tess Holliday bewegen: Frauentyp „dein Gesicht ist doch ganz hübsch“, Modestil Pin-Up, stets gut zurechtgemacht. Das ist beileibe kein Vorwurf an Tess, ich finde sie wundervoll, aber ich nehme die ganze Sache nun mal so wahr: Ihre Message „eff your beauty standards“ wird nur gehört, weil sie mit Ausnahme ihres Gewichts eine gewisse gesellschaftliche Norm repräsentiert. Um einen tollen Artikel zum Thema bei Bitchtopia zu zitieren:

What brings me down off of my body positive cloud 9 is the language which is used to report on the hour-glass, white, fat bodies versus the “other” larger fat bodies that do not represent conventional beauty. Gabourey Sidibe has climbed her way as a top actress, with her roles in Precious and American Horror Story, but Huffington Post does not use the word “brave” when reporting on her effortless style, bold intelligence, and immense success (I dare you to find the fat joke–because it’s there.) That article is vastly different from Huffington Post’s coverage of Tess Munster (now Tess Holliday) announcing that she has signed with MiLK Model Management and #effyourbeautystandard’s success. Where Sidibe’s coverage started off explaining a controversy over her weight, Tess’ coverage calls the model a “body-love activist” and praises her for “help[ing] other women to feel confident in their bodies, regardless of their size or what society tells them is beautiful.” Race and body shape do play a role in the difference in their depictions, and it’s obvious that the pale hourglass is seen as the fat to be confident of. Tess’ body love also comes attached to many “inspirational” moments where she goes public about her weekly exercise and healthy habits, which only validate her success and size as a fat woman.

Wisst ihr, ich mag den Pin-Up-Stil eigentlich total. Aber er ist ziemlich anstrengend, was Make-Up und Outfit angeht, teuer sowieso, wie alles, was in Sachen Plus-Size-Klamotten nicht gerade dem Sack-und-Asche-Standard entspricht, und als optisch „bierbäuchiger“ Apfeltyp steht er mir nicht immer. Wer als Dicke nicht dem „große Brüste, breiter Hintern, nicht zu viel Wampe“-Narrativum entspricht, findet sich eh sehr selten in Modestrecken wieder, ehrlich gesagt auch in Plus-Size-Blogs. Und wage es ja nicht, als dicke Person nicht bis zum Gehtnichtmehr gestylt unter die Leute zu gehen – auch da wird Kompensieren, nee, Überkompensieren verlangt. Aber bitte „schmeichelhaft“, nicht zu auffällig. Wie die wunderbare Katrin bei Reizende Rundungen schreibt:

Der Druck, dass man sich, um sein Dicksein zu verdecken oder davon abzulenken immer super duper glamour mäßig Aussehen muss, ist ziemlich hoch. Als fette Frau modebewusst wahrgenommen zu werden, hängt sehr stark davon ab, ob das Styling, die Haare, die Outfit immer zu 100% stimmen. Für fette Frauen gibt es keinen Out-Of-Bed-Look, kein „ich habe nur schnell das Hemd meines Freundes übergeworfen“, und Lippenstift drauf gemacht, es muss immer Pin-Up und Glamour und sexy im Korsett eingeschnürt sein. Dieses Gefühl spiegelt sich auch oft in der Mode wieder. Sexy enge Kleider, süße Röckchen, alles Dinge die ich liebe, aber was ist mit klaren, schlichten Schnitten? Was ist mit dem „boyfriend“ Look (urg ich finde das Wort irgendwie unpassend, aber es ist schwierig was anderes zu finden)? Es muss immer alles super weiblich, super schick sein. Klamotten sollen uns zeigen, dass wir sexy und begehrenswert sind, dass wir tolle Rundungen haben und dicke Sexgöttinen sind. Weiblichkeit wird groß geschrieben, so als ob eine fette Frau in Jeans und Bandshirt keine richtige Frau sein kann.

Und diese Haltung findet sich ja nicht nur in der „Normgesellschaft“. Einstufungen des gefühlt erlaubten Dickseins geschehen ja auch dauernd innerhalb der Fat-Acceptance-Szene. You do it to yourself, you do. Nächstes Zitat, weil es mir wichtig ist darauf hinzuweisen, dass es hier nicht nur um meine eigene Wahrnehmung geht und weil andere wie Alex es viel besser ausdrücken können:

Der nach außen getragene Dickenselbsthass äußert sich an verschiedenen Stellen. Ob es nun als „Ich bin auch dick, aber das würde ich niemals anziehen“ neben Facebook-Fotos neuer Modekollektionen auftritt, die nicht aus den üblichen „vorteilhaften“ Tuniken bestehen, oder als „Ich bin auch dick, also darf ich das sagen“ beim Abwerten dicker Körper. In body positiven Kontexten, in denen gleichzeitig vor gesundheitlichen Folgen gewarnt wird. Nach/während Gewichtsabnahme mit „Ich hab mich selbst belogen, aber jetzt tue ich was und ihr müsst das auch!“ oder in jedem tadelnden Blick für ermeintlich „zu viel“ gezeigte Haut.

Aber – Überraschung – auch damit passt eins sich den gesellschaftlichen Erwartungen an: Wenn ich schon kein good Fatty bin, wenn ich mich nicht gut genug ernähre, mich nicht häufig genug bewege und gesundheitlich nicht optimale Werte vorweisen kann, dann soll ich mich gefälligst selbst verabscheuen, denn das gehört sich so, wo kämen wir denn da hin! Und wenn es dafür nicht reicht, dann vergleiche ich mich wenigstens mit anderen Dicken und hole mir mein Selbstbewusstsein daraus, dass ich immer noch „besser“ im Sinne von „gesellschaftlich akzeptabler“ bin als andere. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, wird vielleicht selbst nicht zu genau angeguckt, oder wie? Sagte ich schon fuck that shit?

Es ist einfach so verdammt ermüdend, die inneren Debatten mittlerweile oft zu gewinnen, nur um dieselben Wortmeldungen dann immer wieder überall inner- und außerhalb der Fatosphere zu sehen. Beziehungsweise sie als Internet-Social-Justice-Warrior in jeder anderen Diskussion über Marginalisierte (seltener mit ihnen, da wär ja dann irgendwie anstrengend, nicht wahr) zu beobachten. Wenn zum Beispiel Leuten mit Behinderung oder im konkreten Fall mit Kind mit Behinderung erklärt wird, worüber sie sich aufzuregen haben – siehe Emma-Debatte in den Kommentaren beim Kaiserinnenreich. Wenn People of Color sich über ein rassistisches Logo beschweren und beleidigt und bedroht werden – und sich die Buzzfeed-Zielgruppe natürlich fröhlich hinter den kritisierten weißen Mann stellt.

Weil die Gesellschaft Dicke nur sehen will, wenn sie nicht dick sein wollen und etwas dagegen tun.

Weil die Gesellschaft Behinderte nur sehen will, wenn sie irgendetwas tun, dass sie eigentlich gar nicht können sollten.

Weil die Gesellschaft People of Color nur sehen will, wenn sie dem kolonialistischen Klischee von Dankbarkeit, Demut und Dulden entsprechen.

Weil alles, was nicht so ist, wie es „sein sollte“, nur so sein darf, wie es ist, wenn es dafür eine gesellschaftsfähige Rechtfertigung in Form von „aber guckt mal, wie toll ich sonst bin, lasst euch inspirieren!“ vorweisen kann. Wenn Anderssein niemandem zur Last fällt.

Und deswegen noch mal zurück zum Anfang und zur Nabelschau: Sollte ich meine gesundheitlichen Probleme in den Griff kriegen, tue ich das nicht um der Akzeptanz von außen oder innen Willen. Ich tu das einfach. Punkt.

Because fuck that shit, that’s why.

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2 Gedanken zu “Not your inspiration

  1. Sprechen wir weiter über Klichees? Ach sie sind italienischem Ursprungs, dann sollten sie keine Kohlenhydrate mehr essen dann nehmen sie ab. Das aus dem Munde einer Aerztin. Ach nee aber das ein medizinisches Problem dahinter stand hat sie nicht gemerkt!
    Du hast recht mit dem was du geschrieben hast.

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