Denk doch mal jemand an die Polyester!

Ich kauf ja nix bei Bonprix, lege aber hiermit gleich fünf imaginäre Euro ins schlechte-Reime-Schwein. Vermutlich hab ich da snobistische Anwandlungen, aber manche Läden/Kataloge kommen mir doch irgendwie ein bisschen zu billig daher. Und ja, natürlich ist es naiv zu glauben, dass irgendjemand, der in die Herstellung oder den Verkauf der Klamotten involviert ist, enorm viel besser dran ist, wenn ich stattdessen bei C&A einkaufe. Ist mir auch klar. Aber Mode aus Läden wie Takko, KiK oder eben Katalogen wie Bonprix geht meistens an meinem Radar vorbei. Was an und für sich komisch ist, denn gerade dort findet man oftmals mehr Plus-Size-Kleidung als im „normalen“ Klamottenladen. Trotzdem: Findet bei mir halt nicht so statt. Nur wenn ich grad mal wieder was in der Timeline mitkriege. Wie zum Beispiel die neue Maite-Kelly-Kollektion, die mir gerade mehrfach bei Twitter begegnet ist. Nun ist es so: Die Kellys sind mir ziemlich egal, ich werte also nicht den Namen ab. Aber die Mode. Also, die „Mode“. Seufz.

Hurra, großflächige Blumenmuster und grafische Prints, denn dicke Frauen dürfen ja keine kleinen Muster tragen, die machen sie noch wuchtiger! Tuniken und Schößchen, damit der Bauch kaschiert wird! Weit geschnittene Etuikleider, um die Illusion von Kurven an den „richtigen“ Stellen vorzugaukeln! Alles ganz hübsch, alles ganz unauffällig, alles ganz schmeichelhaft.

Und ich schwanke zwischen „Meh“ und „Blerk“. „Merk?“ Can you just be whelmed? Es ist halt nichts dabei, was „stört“. Weder mich als Dicke, weil ich diese Looks einfach schon zu sehr gewohnt bin, noch irgendwelche DickenphobikerInnen da draußen. Klar, ich erwarte von Bonprix et al. jetzt nicht High Fashion. Aber dennoch, das läuft einfach wieder alles unter „Standard für Dicke“. Für Uneingeweihte, hier mal eine kurze Auflistung des Standards für Dicke:

1. Wie gesagt, keine kleinen Muster. Das sieht an Dicken nicht gut aus, weil … Dings. Dann doch lieber Leopardenprint mit großen Blumen kombinieren und das ganze noch mit Batikfarben untermalen, das ist schmeichelhaft! Ach ja, am besten noch ein Satz in inkorrektem Englisch drauf und ein paar Kristalle rangeklebt. So, liebe Dicke, da habt ihr alles, was nicht trendy ist, auf einem Shirt. Mehr braucht ihr ja nicht, gell?
2. Apropos Oberteile: Die dürfen ja nur drei Formen haben: a) Schößchen, damit wir die Röllchen des Bäuchleins abdeckelchen und verbergelchen können. b) Empire-Tunika, gerne mit Zipfeln, nur falls die Oberschenkel auch noch zu unansehnlich sind. Die Zipfel gehören dazu, das ist fesch. Vielleicht sogar fetch. Und c), mein Lieblingslook: Kastig wie Bernd das Brot. Denn mal ehrlich, als Dicke hat eins gefälligst zuhause zu bleiben und die Rauhfasertapete anzustarren. Passt schon.
3. Untenrum wird’s dann noch schwieriger. Da steht Dicken ja nix, nicht wahr. Auf Leggings gehört schließlich ein Dickentragverbot gedruckt, enge Röcke könnten möglicherweise Serpentinen enthüllen, wo doch allerhöchstens Kurven zu sein haben, und Skinny Jeans, hahaha guckt doch mal auf den Namen, ihr merkt es doch selber. Nee, wir kriegen „Treggings“. „Jeggings“. „Irgendwasmitings“. Wenn überhaupt, der Standard ist dann doch noch der überknielange Blah-Businessrock und die Karottenhosen, denn wer in der Mitte am breitesten ist, kann ja wohl den Kandierter-Apfel-Look voll und ganz ausleben.
4. Wie jetzt, Strumpfhosen und Unterwäsche wollt ihr auch noch? Hier, nehmt Bügel-BHs, nehmt alle Bügel-BHS dieser Welt! Bitte, die Bügel drücken in den Bauch? Na gut: Nehmt Minimizer!!! Eine natürliche Brustform wird eh überbewertet. Noch was? Ja, natürlich haben wir BHs mit einer Körbchengröße über 90. Was darf es denn an Unterbrustweite sein, 65, 70, 75? Ach so, nee … aber guckt mal, da drüben sind die Pseudospanx! Und da, eine blickdichte Kontrollstrumpfhose ohne Muster! Wie jetzt, was anderes als schwarz?
5. Und wo wir gerade von schwarzen Kleidungsstücken reden, hier, bitte, alles in dunklen Farben, macht ja optisch schlank. Wie schmeichelhaft.
6. Material? Polyester natürlich. Gibt’s da ein Problem? Schwitzen? Tja, nimm halt ab, dann schwitzt du weniger.
7. Accessoires. Kauf Accessoires. Erstens mal dienen sie dazu, von deiner Körperform abzulenken (und das willst du ja, nicht wahr? Das willst du doch?!?!), und zweitens haben wir sonst eh nichts in deiner Kleidergröße, danke tschüß.
8. Stiefel mit weitem Schaft? Muahahahaaaa, Witz des Jahres!
9. Nicht zuletzt: Denk immer daran, je größer die Größe, desto größer die Person! Es gibt niemanden, der Größe 48 trägt und nicht mindestens 1,80 groß ist. NIEMANDEN.
10. Kurz: Wir sagen, was dir steht. Du kaufst das. That’s the deal.

Komisch also, dass dieser Tweet von mir neulich dann doch diverse Favesternchen gekriegt hat:

Wenn ich sage „das steht mir nicht“ meine ich übrigens „das gefällt mir nicht an mir“ und nicht „Gesellschaftsnorm findet das scheiße“.

Denn ich halte mich inzwischen an die Maxime, die immer von allen Leuten in Normgrößen gepredigt wird: „Trag das, was dir gefällt und worin du dich wohlfühlst, dann siehst du darin auch gut aus“ (Und Schönheit kommt von innen, wenn du viel Wasser trinkst und genug schläfst, jaja). Mit dem zusätzlichen Caveat, dass es mir eigentlich ziemlich egal ist, ob ich in den Augen der anderen „gut“ aussehe oder nicht.

Für mich bedeutet das, dass Leggings mit einem Minirock meine Standardausrüstung sind. Darin kann ich mich auch mit Kind auf dem Spielplatz gut bewegen, darin stimmen für mich meine Proportionen, und obenrum wird meistens improvisiert. Ich mag Bodycon an mir zugegebenermaßen nicht so besonders, weil ich als Apfeltyp dann sofort hochschwanger aussehe, und das gefällt mir nicht. Irgendwelche Andeutungen anderer zu einer möglichen Fortpflanzung kläre ich aber trotzdem mit einem grinsenden „Nee, nur dick!“ auf und genieße ihre peinlich berührte Reaktion. Selber schuld, sowas von. Zur „Uniform“ gehören daher Shirts im Girlie-Schnitt (ich habe eine Taille und ich werde sie benutzen!), manchmal auch schlabbrige Shirts, wenn die Band oder der Geek-Druck gerade nur im Männerschnitt verfügbar war und trotzdem gekauft werden musste, dazu eine Hoodiejacke oder meine Bikerjacke. Gerne Hut. Dazu Stiefel oder Stiefeletten, beides mehr so chunky und clunky. 90er Jahre halt, alle bleiben irgendwann mal in einer Ära hängen, meistens in einer, die ihnen viel bedeutet. Mein erstrebenswerter Look im Hinterkopf ist eh immer Shirley Manson im „Only Happy When It Rains“-Video. Attitude included.

Anders gesagt: Fat Fashion, wie sie von den gängigen Herstellern interpretiert wird, ist nicht so meins und wird es leider wohl auch noch länger nicht sein. Because my body is not an apology. It’s a fucking exclamation mark.

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