Muttertag? Nun ja.

Ihr kennt das sicher alle: Derzeit wird mit Tipps, Rezepten und Geschenkvorschlägen zum Muttertag geworben bis zum Gehtnichtmehr. Egal, wohin eins guckt, die Muttertagswerbung ist immer schon da. Manchmal sentimental, manchmal totaaal witzig, manchmal etwas, äh … fehlgeleitet.

muttertag

Ich mein ja nur, ich zumindest würde meiner Mutter keine Spitzenunterwäsche zum Muttertag schenken. Oder zu sonstigen Anlässen. Wenn meine Mutter denn noch am Leben wäre. Und damit komme ich zur Crux der Sache:

Bei so vielen anderen Feiertagen wird mittlerweile offen darüber gesprochen, dass viele Leute sie nicht feiern. Valentinstag am allermeisten, so viele Artikel, Rants und Blogeinträge dazu, wie Singles diesen Tag erleben. Weihnachten und andere Familienfeiertage, die oftmals nicht mit der Familie verbracht werden können oder wollen. Aber beim Muttertag wird davon ausgegangen, dass alle ihrer Mutter etwas schenken und Zeit mit ihr verbringen wollen. Nee, müssen.

(Der Vatertag ist übrigens wieder ein ganz anderes Thema. Die Grundsatzhaltung, dass Väter da mit dem Bollerwagen losziehen und sich besaufen, darf gerne auch mal kritisch hinterfragt werden. Aber nicht gerade jetzt und hier, okay?)

Bei mir ist das so: Meine Mutter ist vor 19 Jahren gestorben. Wir hatten kein ganz konfliktfreies Verhältnis, aber das ändert nichts daran, dass ich sie durchaus vermisse. Vor allem, seit ich selber Mutter bin und viele Dinge anders sehe und besser verstehe. Ich finde auch einiges an ihrem Mutterverhalten in meinem Mutterdasein, das ist nicht zwingend immer positiv, aber es tut mir gut zu wissen, wo welche Reaktionen meinerseits herkommen. Denn so erinnere ich mich gleichzeitig daran, wie ich mich als Kind gefühlt habe, wenn meine Mutter ähnlich agiert und reagiert hat. Und dann kann ich mein Verhalten entsprechend anpassen.

Und ganz ehrlich: Es wäre einfach schön gewesen, hätte sie meinen Sohn kennen gelernt. Nun ja. Ist halt nicht so gekommen. Im Großen und Ganzen komme ich damit klar. Meistens.

Aber jedes Jahr pünktlich zum Muttertag wird mir um die Ohren gehauen: „DEINE MUTTER!!! KÜMMER DICH!!! ZWANGSLIEBE!!!“ Worauf es mir in der Seele rumblubbert: Nee. Ich war noch nie an ihrem Grab, ich nehme ihre Präsenz im Alltag immer wieder wahr, in den Gesichtern anderer Frauen, in einer Stimme, die ähnlich klingt, beim Geruch von Freesien. So viele Momente. Und die passieren auch ohne stetiges Eindreschen, ohne besonderen Anlass. Dazu brauche ich keinen bestimmten Tag und erst recht keine entsprechenden Ermahnungen. Stattdessen ruft der muttertägliche Werbefrontalangriff in mir vor allem eine Reaktion hervor, und das ist die, mir die Ohren und Augen zuhalten zu wollen und einfach mal loszubrüllen: „Lasst mich in Ruhe! Ich würde ja gerne, aber ich KANN NICHT, OKAY?

Ich meine, was tut eins an einem Muttertag ohne Mutter? Natürlich, ich bin selbst Mutter, ich kann mich feiern lassen. Aber es fehlt nun mal etwas, es fehlt jemand.

Und dann frage ich mich: Wie geht es den anderen da draußen? Diejenigen, die nicht Mutter sind, aber keine Mutter mehr haben? Die werden ja genau so zugeballert mit der Message. Und die trauern vielleicht mehr als ich. Oder diejenigen, deren Mutter zwar noch lebt, die aber keinen Kontakt mehr zu ihr haben, aus welchen Gründen auch immer? Wie sehr werden die mit Schuldgefühlen bombardiert, die wahrscheinlich größtenteils komplett unberechtigt sind?

Nein, ich habe keine Patentlösung, ich habe überhaupt keine Lösung. Feiertage sind Kommerz, das wissen wir alle. Die Werbung bleibt. Die Blogeinträge mit Bastel- und sonstigen Muttertagstipps, du meine Güte, wieso sollte ich die irgendjemandem absprechen, nur weil ich persönlich halt niemanden zum bebasteln und beschenken habe? Das ist schon okay so.

Aber es ändert nichts an meinen Gefühlen zum Muttertag. Und die wollte ich mal loswerden. Voilà.

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3 Gedanken zu “Muttertag? Nun ja.

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  2. Ich kann dich verstehen. Mir geht es ähnlich, wobei ich ganz offen gestanden am Muttertag mehr an mich gedacht habe in meiner Mutterrolle. Ja, sie war meine Mutter, hat gekocht gewaschen etc. und ich weiss was das heisst und dass das durchaus zu wenig gewürdigt wird, wenn auch das beim Muttertag irgendwie dann doch nicht wirklich das Thema ist. Aber wirklich da war meine Mutter nicht. Was ist dann Muttersein? Und Vatersein? Und diese Mutter-Glorifizierung nervt auch. Wir haben dann einen Kinder-Grosszieher-Tag daraus gemacht, da die Kinder auch für ihren Vater gebastelt hatten.

  3. Ich blende den kram größtenteils aus, gepaart mit etwas zynismus. Allerdings kam niemand darauf mich direkt interpersonell damit zu nerven und die Werbung ignoriere ich so wie die zum Valentinstag.
    Sollte jemand versuchen, mich direkt damit zu nerven bin ich problemlos offen genug zu sagen, dass ich keine Mutter mehr habe.

    Meine Mutter ist vor 5 Jahren gestorben, wir hatten nie wirklich ein gutes Verhältnis, die destruktiven Verhaltensweisen wurden von Mutter zur Tochter weitergereicht bis ich aus Selbstschutz eine harte Grenze ziehen musste. Glücklicherweise-das Privileg hat ja nicht jede- hatte ich nie groß Schuldgefühle was das angeht, Ich weiß, dass ich keine Therapeutin bin und dass es nicht möglich ist jemanden gegen ihren Willen gesundzu zwingen..

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