Bundestugendspiele

Durch meine Twitter-Timeline geistert seit Tagen ein Thema: Bundesjugendspiele abschaffen, ja oder nein? Hintergrund der Diskussion ist eine Petition von Mama arbeitet, und natürlich wird das Thema wie so viele im Elternuniversum (aber nicht nur dort!) ziemlich emotional behandelt. Und ebenso natürlich habe ich eine Meinung dazu.

Vorneweg: Da ich in der Schweiz aufgewachsen bin, sind mir „Bundesjugendspiele“ vom Titel her fremd, sie scheinen aber ungefähr identisch mit dem „Sporttag“ zu sein, den es bei uns gab. Verschiedene Leichtathletikdisziplinen von Ballweitwurf bzw. Kugelstoßen über Sprint oder Hürden sowie Hoch- und Weitsprung bis hin zum Mittelstreckenlauf. Und alle haben gefälligst mitzumachen.

Am letzten Satz lässt sich möglicherweise schon erkennen, wie meine Erfahrungen mit dem Sporttag aussahen: Negativ. Und nein, liebe DickenwitzereißerInnen, die mir bei der Diskussion bereits mehrfach begegnet sind, das hatte nichts mit meinem Gewicht zu tun, denn damals war ich beim besten Willen noch „normalgewichtig“, wie aussagekräftig das auch immer sein mag. Wer hier Fatshaming betreibt, kriegt von mir ein herzliches „Fuck you!“ und Diskussionsdisqualifikation. Nicht alle Dicken sind unsportlich, nicht alle Unsportlichen sind dick. Ende dieses Themas.

Ich war in den ersten Schuljahren wahrscheinlich das, was andere als „Streberin“ bezeichnen würden, das heißt, ich hatte in der Grundschule und auch in den ersten zwei Jahren Sekundarschule (damals dauerte die Grundschule nur vier Jahre) meistens gute bis Höchstnoten, außer in Sport und Handarbeit. In der Untergymnasiums- und Gymnasiumszeit änderte sich das dahingehend, dass ich dem Klischee des Mädchens entsprach, das in Sprachen gut ist, in Naturwissenschaften aber eher abstinkt. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass zumindest damals an Sprachgymnasien die Naturwissenschaften eher stiefmütterlich behandelt wurden und die Lehrerschaft wenig Ehrgeiz zeigte, in der desinteressierten Schülerschaft Begeisterung für ein Thema zu wecken, bei dem alle wussten, dass es mehr so Pflichttermin war. Das finde ich noch heute schade, denn die Blockade in meinem Kopf den Naturwissenschaften gegenüber ist für mich immer noch fast unüberwindlich. Ich versuche es immer wieder, scheitere aber schon an den Vorwörtern populärwissenschaftlicher Bücher. Does. Not. Compute. Und dabei würde es mich mittlerweile wirklich interessieren.

In Sport war ich gleichbleibend schlecht. Ob es nun normale Turnstunden, Wanderausflüge (so viele Wandertage, schon in der Grundschule, später zum Teil mit Übernachtung in irgendwelchen Hütten, hallo Schweizer Klischee!), „freiwilliger“ Schwimmunterricht oder eben Sporttage waren: Langsam. Unkoordiniert. Unfähig. Und dabei war der Wille wirklich da, zumindest anfänglich. Es ist nicht so, als hätte ich keine Freude an der Bewegung gehabt, beileibe nicht. Ich hatte jahrelang Ballettunterricht, habe zwischenzeitlich ein Semester Tischtennis gespielt, war mal in einem Sportlager, um Fechten kennenzulernen. Das Interesse war da, aber wer nach gefühlt willkürlichen Maßstäben immer wieder versagt … na ja. Irgendwann war die Freude halt nicht mehr da und das Grauen vor jeder Turnstunde groß. Und die Panik vor dem Sporttag erst recht. Denn sich vor der Klasse zu blamieren, ist eine Sache, die kennen das, die erwarten das nicht anders. Es schmerzt zwar, aber es ist ein bekannter Schmerz. Ein Gewohnheitsschmerz.

Sporttag aber, das bedeutete Scheitern vor unbekanntem Publikum. Vor älteren Schülerinnen, die zum Messen abdelegiert worden waren. Vor anderen LehrerInnen. Oder, wie damals beim 800m-Lauf im Stadion, vor gefühlt der ganzen Schule, vor allen, die mit ihrem Programm schon durch waren und sich auf die Tribüne gesetzt hatten. Ich hechelte von Anfang an hinterher, die anderen waren bereits längst im Ziel, als ich noch lief.

Und irgendwann begann die Tribüne, mich anzufeuern.

Im Film wäre das ein inspirierender Moment, und sie haben es sicher gut gemeint. Aber das war damals einer der schlimmsten Momente meines Lebens bis dorthin. Ich war dabei zu scheitern. Und zwar kläglich zu scheitern. Es ist eine Sache, grandios zu scheitern, und das habe ich später ganz gut hingekriegt, wenn ich elegant unter der Hochsprungmesslatte durchgesprungen oder um die Hürden herumgelaufen bin und mich dabei selber innerlich abgefeiert habe. Da hat es mich nicht gekratzt, Publikum zu haben, und es war mir egal, was die Leute dachten. Aber kläglich scheitern? Vor den Augen der Schule? Nein, bitte feuert mich nicht an. Bitte nehmt mich nicht wahr. Ich möchte gerade gar nicht existieren, geschweige denn angefeuert werden.

Und nach dem Sporttag natürlich das Gedränge um die in der Turnhalle aufgehängten Resultatlisten, dem ich mich nie angeschlossen habe. Immer gewartet habe, bis alle weg waren, um dann bestätigt zu kriegen: Ja, Schlechteste der Schule. Manchmal vielleicht Zweit-, Dritt-, Viert-, Fünftschlechteste, aber immer am hintersten Ende der Rangliste. Quod erat demonstrandum, klar – aber diese jährliche öffentliche Bestätigung, schwarz auf weiß, das hallt heute noch nach.

An dieser Stelle sei auch noch kurz die Alternative Teamsportarten erwähnt: Ja klar, es macht total Spaß, wenn die größte Hoffnung der Turnstunde ist, nicht als Letzte, sondern mal als Zweitletzte ins Team gewählt zu werden. Und den Begabteren macht es noch viel mehr Spaß, wenn ihre Leistung dadurch geschmälert wird, dass jemand in der Mannschaft dauernd patzt. Dann am liebsten gleich Völkerball, einmal Ball abkriegen und die Qual ist vorbei.

Immerhin hatte ich im Gymnasium eine Sportlehrerin, mit der ich irgendwann die stillschweigende Vereinbarung hatte: „Heute machen wir dies und das – außer Natalie, die muss das nicht!“. Ich durfte dann jeweils in den Wald nebenan, laufen gehen (okay, spazieren. Oder mich mit der besten Freundin auf eine Bank setzen und quatschen). Für diese Haltung bin ich ihr heute noch dankbar – ich musste zwar die Pflichttermine wahrnehmen, aber bei ihr galt: Wer es ernsthaft versucht, kriegt eine genügende Note. Und meine Güte, wie viele Lehrpersonen könnten sich davon eine Scheibe abschneiden!

Nicht nur im Sportbereich, denn reden wir mal auch darüber: Mir wurde durch den schulischen Sportunterricht die Freude an der Bewegung genommen. Die musste ich mühsam wieder erlernen, und auch heute bin ich meinem Sohn nicht das Vorbild, das ich gerne sein möchte. Ich arbeite daran, aber ich werde nie die Mutter sein, die ihm sportlich etwas beibringen kann, weil mir selber dazu schlichtweg die Koordination fehlt. Die Hemmschwellen Peinlichkeit, Scham und Angst versuche ich ihm zuliebe zu überwinden, aber ich bin einfach nicht besonders fähig. Und das ist okay. Ich darf mich trotzdem bewegen und Spaß daran haben. Es hat nur lange gedauert, das wieder zu lernen.

Und genau so geht es vielen anderen derzeitigen oder jetzigen SchülerInnen mit anderen Fächern, ich weiß: Die Freude an der Bildung wird genommen durch die Einteilung in gut, genügend und ungenügend, in richtig und falsch. Mir ist absolut klar, dass Schule für alle in irgendeinem Bereich die Hölle ist. Aber die Überhöhung der Sportlichkeit ist ja nicht nur ein schulisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Siehe Sportlergehälter (vs Sportlerinnengehälter, aber das nur als Einschub… ). Und im Gegensatz zu anderen Fächern wird ja auch nach der Schulzeit darauf gepocht, dass eins sich gefälligst zu bewegen hat. Sprachen weiter lernen, sich sonstweitig weiterbilden, natürlich: Das wird gerne gesehen. Aber meines Erachtens wird es nicht so sehr gefordert wie der Befehl: „BEWEGUNG! JETZT! ODER WIR WERDEN ALLE STERBEN!!!“

(Die Art, wie man als Dicke, die öffentlich Sport treibt, wahrgenommen und behandelt wird, was unter anderem schon mit dem kaum vorhandenen Angebot an passender Kleidung in Übergrößen illustriert werden kann, ist wiederum ein ganz eigenes Thema. Für einen anderen Blogeintrag.)

Deshalb zurück zum Schulsport: Ja, ich habe die Petition unterzeichnet, im Wissen darum, dass sie kaum etwas erreichen wird außer einer Diskussion. Aber das ist schon was. Und nein, ich bin nicht der Meinung, dass Eltern ihren Kindern jede Enttäuschung ersparen sollten, und Schulen erst recht nicht. Aber warum predigen wir alle vier Jahre den olympischen Gedanken, dass Teilnahme alles ist, und bestrafen dann diejenigen, die eben nur teilnehmen können und nichts weiter, mit öffentlicher Bloßstellung? Die Resultate einer beliebigen Lateinprüfung hängen ja auch nicht für die ganze Schule öffentlich einsehbar aus. Ich bin auch durchaus dafür, diejenigen zu belohnen, die sich besonders auszeichnen. Hey, ich war massiv enttäuscht, als ich am Tag meines einzigen sportlichen Erfolgs, dem dritten Platz im Schulorientierungslauf, die Info bekam, dass ausgerechnet in diesem Jahr keine Medaillen oder sonstigen Preise ausgehändigt würden, weil man stattdessen das Geld lieber in einen Becher Ovomaltine pro TeilnehmerIn investiert hatte.

Ich bin einfach der Meinung, dass nicht alle Enttäuschungen im Leben so prägend sein müssen, dass sie Leute für lange Jahre beeinflussen. Gerade in Fächern, in denen „richtig“ und „falsch“ extrem fließende Begriffe sind. Krumme Nägel und schiefe Nähte in Werken und Handarbeiten, miese Rundenzeiten in Sport. Niemand sollte sich dadurch gehindert fühlen, später etwas zu erschaffen oder Spaß an Sport zu haben. Der Wettbewerbsgedanke? Ja, für diejenigen, die ihn haben wollen. Andere sollten einfach mitmachen dürfen.

Warum also nicht zum Beispiel die Pflichtwettbewerbe durch einen Tag ersetzen, an denen diverse neue Sportarten ausprobiert werden dürfen? Ähnlich wie das Instrumentenkarussell in der Musikschule? Ohne Zwang, ohne Noten? Die Sportlichen hätten ihren Spaß, die weniger Begabten entdecken vielleicht ein neues Hobby. Wer sich dann noch in irgendetwas messen möchte, für den werden anschließend freiwillige Wettkämpfe in den vorgestellten Sportarten angeboten. Oder meinetwegen auch das klassische Programm. Die anderen können sich den Rest des Tages dem Ausprobieren widmen. Und selbst wenn sie am Ende mit einem schlechten Gefühl heimgehen, weil sie nichts richtig hingekriegt haben: Immerhin haben sie etwas probiert. Und immerhin steht ihr Name danach nicht noch tagelang am untersten Ende einer öffentlichen Liste.

Verbittert? Ich? Immerhin nicht so sehr, dass es mir nicht möglich ist, mir Alternativen vorzustellen. Und Bereitschaft zu zeigen, über das Thema diskutieren zu wollen. Denn das ist wie gesagt für mich der wichtigste Aspekt: Dass wieder mal ein „Das war schon immer so“ hinterfragt wird. Dafür gebührt Christine Finke von „Mama arbeitet“ ein großer Dank.

(In einem Punkt lasse ich aber nicht mit mir reden: Fuck your Ovomaltine, Restschule, ich hab wegen euch nur einen Wisch gekriegt. Den besitze ich allerdings immer noch.)

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Ein Gedanke zu “Bundestugendspiele

  1. Oh Gott, die schrecklichen Bundesjugendspiele. Wie ich sie gehasst habe. Wie demütigend das war. Mir wurde ebenfalls durch den schulischen Sportunterricht die Freude an der Bewegung verregnet. Heute bin ich 37, und habe immer noch das Bild von mir als unsportlicher Person, obwohl das gar nicht stimmt.

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