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Und dann irgendwann mitten im Wickie-Vorlesen meint der Sohn: „Mama, Wickie ist doch aber ein Mädchen?!“ Argh. Die Diskussion. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich in den zumindest etwas weniger gegenderten 70ern aufgewachsen bin oder daran, dass ich beim Gucken oder Lesen einfach genauer hingehört habe als andere, aber für mich war meiner Erinnerung nach immer klar, dass Wickie ein Junge ist. Vielen geht es offenbar nicht so, und ich frage mich: Warum?

Ich hab dann kein großes Aufhebens gemacht, nachdem wir die übliche Runde „Nein!“ – „Doch!“ – „Nein!“ – „Doch!“ gespielt hatten, und erklärte einfach: „Liegt es daran, dass er lange Haare hat? Auch Jungs können lange Haare haben! Oder daran, dass er ein Kleid trägt? Der kann doch anziehen, was er will!“ Damit war das Thema eigentlich vom Tisch. Aber nur eigentlich. Natürlich, mich beschäftigt das viel bewusster als den Sohn, bei ihm sind diese Beobachtungen und Entwicklungen noch organischer, wenngleich ich mitunter inzwischen ab und zu sehr klare Wertungen seinerseits höre.

Mir ist auch ziemlich klar, an welchem seiner Kumpel das liegt, ich durfte das betreffende Kind neulich beim Kindergeburtstag live erleben: „Öööööh, warum hast du denn pinke Socken an, das ist doch was für Mädchen!“ und gleich darauf zum einzigen anwesenden Mädchen: „Öööööh, die Jacke ist doch was für Jungs!“, und das alles natürlich im mansplainigsten Tonfall, den so kleine Jungs überhaupt hinkriegen können. Und der Sohn kommt dann gerne mal als entsprechendes Echo daher.

Ich meine, ich werde mich hüten, da irgendwie in die Freundschaft einzugreifen, das sind so Themen, die müssen sie unter sich ausmachen. Jetzt gerade testet das Kind aber halt gerne mal den Macker aus, da muss ich durch. Und er muss damit leben, dass ich ihm bei entsprechenden Ausbrüchen kristallklar erkläre, dass es mir absolut egal ist, wie andere Kinder sich benehmen und sich ihren Eltern gegenüber verhalten, aber hey: Unser Haus hier, unsere Familie, unsere Regeln, hier wird nicht über Äußerlichkeiten gelästert, hier wird nicht nach aufgedrängten Geschlechterrollen diskriminiert. Da bin ich vehement – natürlich inklusive Erklärung, aber ohne viel „Och bitte, lass das doch“-Heititei. Da heißt es: „Das dulde ich hier nicht. Fertig.“

Ich versuche dabei zwar, nicht zu werten, aber logisch: Dass ich solches Verhalten nicht gut finde, kommt dabei eben auch durch. Deswegen ja auch immer der Einschub, dass andere das vielleicht so machen, aber wir halt nicht. Und nee, ein besseres Mantra als „Anders ist nicht besser oder schlechter, sondern nur anders“ fällt mir dabei nicht ein. Sei’s drum. Dieses ganze Elternding improvisiere ich letztendlich doch eh. Wichtig ist mir dabei einfach, dass er lernt, dass es immer auch eine Alternative zu der Message gibt, die ihm von der Gesellschaft da draußen vermittelt wird. Denn das da draußen ist mitunter beim besten Willen nicht schön und gut. Das hier drinnen auch nicht immer, aber daran kann ich zum Glück viel einfacher arbeiten, weil’s an mir liegt.

Und letztendlich ändert sich beim Sohn ja auch immer alles. Da muss dann plötzlich wieder die Babyponypuppe mit zum Fußball, weil er gerade elterliche Gefühle entwickelt („Mama, singst du ihm im Auto ein Schlaflied und gibst ihm sein Fläschchen?“), oder er erklärt bei dem einen Stormtrooper im Lego-Star-Wars-Filmchen, der „MAMAAAAA!“ schreit: „Ich wär gerne dem seine Mama!“.

Von dem her: Hauptsache, er bleibt menschlich.

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2 Gedanken zu “22

  1. Hey, hey Wickie,… und so weiter…
    was ich schreiben wollte: ich dachte auch, dass Wickie ein Mädchen ist. Und fand’s total cool, weil in meiner Kindheit da war noch alles klar getrennt: Vattern lag unterm Auto und Mama hat geputzt und gekocht.
    Und dann kommt da so ein cleveres Wikingermädel daher, darf mit den starken Männern Abenteuer bestehen und rettet den ganzen Trupp vorm schrecklichen Sven. DAS WAR DOCH MAL GENIAL!
    Und dann stellt sich raus: das ist ein Junge. Da war ich schon frustriert. Also doch wieder Kochtopf.
    Liebe Grüße! Silvie
    P.S.: so ein schöner Blog! Kann gar nicht mehr aufhören, zu lesen…!

  2. Danke! Wir hatten halt das Buch zuhause, da war es recht schnell klar, dass er ein Junge war. 😉 Und wir hatten das Glück, mit der roten Zora oder den Mädchenfiguren von Federica de Cesco aufzuwachsen, die dann doch eher Macherinnen waren. Und natürlich mit Joan Landor, die sich zwar gerne mal von Captain Future aus der Patsche retten lassen musste, aber immerhin Agentin war. 😉

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