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Doch. Das ist Deutschland. Das ist das Volk. Mir ist klar, dass viele von denen, die Letzteres verneinen, damit vor allem den historischen Zusammenhang des Satzes „Wir sind das Volk“ meinen, aber irgendwann müssen wir es uns bitte schön alle eingestehen, dass es nichts bringt, sich ständig von allem und allen distanzieren zu wollen. Denn mit „Die da sind schlimm, aber ich nicht!“ ist es einfach nicht getan. Nicht mehr.

Es ist so viel einfacher, die Haltung einzunehmen, dass es ein „Wir“ und ein „die“ gibt, weil „wir“ uns dann ja nicht ändern müssen. „Wir“ sind ja schon die Guten. „Die“ sind wer ganz anderes. „Die“ sind nicht „unser“ Deutschland, die sind nicht „das“ Volk. Nur leider findet das, was „die“ tun, in ebendiesem Deutschland statt. Und „die“ sind sehr wohl ein Teil der Bevölkerung. Das wissen wir sogar alle, wir nehmen es tagtäglich wahr, offline und online. Klar, online ist immer einfacher, da können wir allgemein gehaltene Statusupdates schreiben, Nonmentions bei Twitter, irgendwelche Hashtags benutzen… offline wird es schwieriger, denn da gibt es keinen Bildschirm als Filter und Schutzwall, da müssen wir uns schon selbst hinstellen, als echte Person, mit unserem richtigen Gesicht, ganz ohne Avatar.

Ich persönlich habe damit zugegebenermaßen lange gehadert. Das liegt sicher mit daran, dass meine direkte Umgebung politisch relativ homogen ist. Oder es ist einfach nicht Thema (daran wird’s liegen, Religion, Politik und Lohn als ewiges Small-Talk-Tabu…). Aber ich kann nicht mehr schweigen, wenn z.B. im Gespräch mit einem behandelnden Arzt Sätze wie „Man muss die Leute ja auch verstehen mit ihren Ängsten…“ fallen. Oder „Die Arbeitsmoral da ist ja auch ganz anders…“. Nein, Machtgefälle und andere Komplexitäten hin oder her, ich höre mir das nicht mehr länger an. „Die werden ja auch ganz anders bezahlt und haben andere Arbeitsbedingungen, nicht wahr?“, war meine eine Antwort. Die andere war „Ängste schön und gut, aber dann sollen sich die Leute gegen das System wenden, und nicht gegen die Flüchtlinge!“.

Ach ja. Das System. Das sind übrigens auch alle, also „die“ und „wir“. Und eigentlich sind wir uns alle einig, dass dieses System fehlerhaft ist. Nur mit völlig unterschiedlichen Schlußfolgerungen. Meine Reaktion darauf lautet: „Okay, dann lassen wir die Sache mit dem Kapitalismus, dem systemischen Rassismus, Sexismus, Ableismus und den restlichen -ismen vielleicht einfach mal und probieren was Neues aus, hilft ja nix.“ „Die“ folgern hingegen, dass sie das tun müssen, was sie gelernt haben, was das System mit ihnen getan hat: Nach unten treten. Und da sind halt die Flüchtlinge als Quasi-Staatestatussymbol. Buchstäbliches Treten, wie wir wissen.

Nein, ich habe kein Verständnis für diese Schlussfolgerung. Das hat für mich was von „1+1 = 11“. Es entbehrt aus meiner Sicht jeglicher Logik. Die reine Angst, dass sich jetzt hier alles ändert, dass plötzlich alles unsicher ist, was „die“, was „wir“ für sicher hielten – die hingegen kann ich nachvollziehen. Die verspüre ich auch. Ich bin nicht schockiert über die Entwicklungen, die für uns in der privilegierten Welt anstehen, sie haben sich seit Jahrzehnten abgezeichnet, sie wurden immer wieder prophezeit, es war klar, dass das alles irgendwann kommt. Aber mir graut dennoch auch vor den Umstürzen, die uns bevorstehen, denn sie werden heftig, egal wie sie ausgehen.

Vor über einem Jahrzehnt habe ich Michail Gorbatschow interviewt, und wir sprachen darüber, wie seiner Meinung nach die Zukunft unseres Planeten aussehen wird. Er war der festen Meinung, dass sich die gutsituierten Länder irgendwann daran anpassen werden, dass der Reichtum und die Ressourcen gleichmäßiger verteilt werden. Auf meine skeptische Frage, ob das denn wirklich realistisch sei, dass die reichen Länder da mitmachen – immerhin wolle der Mensch ja stets an dem festhalten, was er besitzt -, antwortete er: „Sie werden mitmachen müssen.“

Und sehen wir es ein: Wir werden mitmachen müssen. Und damit meine ich „uns“ und auch „die“. Denn wir haben zu lange auf Kosten anderer gelebt. Wir tun es immer noch. Wir beuten den Rest der Welt aus und lassen uns beliefern, aber halten uns hübsch raus, wenn es nicht gerade unseren Geldbeutel oder unseren Vorgarten betrifft. Jeden einzelnen verdammten Tag. Ich kann es niemandem verdenken, auch einen Teil davon abhaben zu wollen. Und trotzdem tue ich viel zu wenig dagegen, das Elend auszugleichen. Da bin ich eben doch „die“. In irgendeinem Aspekt des Lebens vermischt es sich immer.

Aber das ist jetzt schon wieder zu weit vorausgedacht, vermutlich. Darum geht es derzeit noch weder „uns“ noch „denen“. Irgendwie scheint es aber allen Beteiligten um „Deutschland“ zu gehen, warum auch immer. Alle Fraktionen beanspruchen die Deutungshoheit über das Konzept „Deutschland“ für sich. Und ich frage mich, ob genau das nicht eigentlich das unwichtigste Thema überhaupt ist. Mir fallen dazu Sätze wie „Du bist Deutschland“ ein. Oder „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Ich höre dem Sohn zu, wie er nach dem Handgranatenwurf auf ein Asylbewerberheim sagt „Vielleicht müssten sie einfach Polizei um alle Flüchtlingsheime stellen, das wär doch was, Mama, wieso ist da noch keiner draufgekommen?“, und ich denke heute an die Medienkonferenz der Polizei Sachsen und seufze innerlich „Ach Kind, wenn du wüsstest…“.

Er und ich guckten vorgestern zu, wie die Leute von der AfD ihr Wahlplakat direkt gegenüber vom Spielplatz am Laternenpfahl befestigten, einen halben Meter höher als die restlichen Parteien. Auf dem Plakat stand „Kinder willkommen!“ und „Ja zur Familie!“, und ich sagte zu meinem Kind, laut genug, dass die Plakatmontierer es hören konnten: „Weißt du, das ist gelogen. Die meinen da nicht alle Kinder, und die meinen auch nicht alle Familien. Nur die, die ihren Vorstellungen entsprechen…“. Und fügte dann hinzu: „Aber weißt du, vor den Wahlen lügen eigentlich alle Parteien.“

Der Kindergarten des Sohnes liegt in direkter Nähe des örtlichen Flüchtlingsheims, er kennt auch einige von ihnen aus seiner oder der anderen Gruppe. Eine der Mütter hat den Kindern auch mal in einem Vortrag erklärt, was in ihrer Heimat Syrien gerade so passiert. Und ich schwanke zwischen der wehmütigen Begeisterung darüber, wie der Sohn das alles einfach hinnimmt, weil er es nicht anders kennt, und dem innigen Wunsch, dass er dies alles nicht kennen müsste. Erst recht nicht die anderen Kinder. Ihre Eltern.

Überhaupt.

Wir alle.

Auch „die“.

Das „Volk“ halt.

(Nein, es gibt eigentlich keinen Song, der an diese Stelle passt. Also hab ich halt einen unpassenden genommen.)

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