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Ich war gestern mit Mann und Kind im Gepäck in der Schweiz – Familienbesuch und Bürgerinnenpflicht. Da ich bei Wahlen nicht die Möglichkeit zur Onlineerledigung meiner Stimmabgabe habe und neben den diversen Abstimmungen auch eine Regierungsratswahl anstand, musste ich meine Meinung vor Ort in die Urnen werfen. Ja, okay – brieflich wär’s auch gegangen, aber in meinem grenzenlosen Enthusiasmus hab ich den dafür notwendigen Briefumschlag zerfetzt, bevor ich gelesen hab, dass ich nicht online… nee, mach ich zukünftig nicht mehr. Aber immerhin konnte der Sohn so mal gucken, wie das funktioniert, wenn ein Volk nicht nur wählen, sondern auch abstimmen kann. Total spannend. Konkret gingen er und der Mann ein Sandwich kaufen, während ich meine Zettel abgab.

Der Kontrolleur der Stimmrechtsausweise war dann gleich mal sehr irritiert ob meines Wisches und brüllte nach seinem Chef: Das sei jetzt schon der zweite solche Zettel ohne Geschlecht und Jahrgang oder was weiß ich, irgendetwas passte ihm wohl nicht. Der Chef erklärte ihm dann, dass das so stimmt, weil: Auslandsschweizerin. Und ich so, mit minimer Smugness in der Stimme: „Extra angereist!“. Dann noch ein paar Initiativen unterschrieben und erledigt war’s.

Mit den Resultaten bin ich so mehr oder weniger zufrieden – ich hätte mir eine Annahme der Spekulationsstoppinitiative und eine höhere Ablehnung der Heiratsstrafe-Initiative gewünscht, aber immerhin, die Durchsetzungsinitiative fiel ziemlich gnadenlos durch.

Nur: Ich hab da natürlich was zu meckern. Nicht am Resultat, sondern an der Nachberichterstattung. Weil für mein Empfinden etwas abgefeiert wird, das eine absolute Selbstverständlichkeit sein sollte. So nach dem Motto „Hurra, wir sind ausnahmsweise nicht scheiße!“. Und das ist mir zuwider. Denn wir sind beim besten Willen immer noch scheiße genug. Ausschaffungsinitiative, Minarettverbot, jedes einzelne widerliche SVP-Plakat – und auch hier gilt die bereits vor Kurzem erwähnte Maxime: Das sind nicht nur „die“. Das sind halt auch „wir“. Weil wir alle, okay, ihr vielleicht nicht, aber ich nehme mich da nicht aus, weil wir alle auf Kekshascherei aus sind. Wir wollen Applaus fürs Nichtscheißesein statt danach zu streben, vielleicht mal echt anständig zu sein. Wir finden uns super, weil wir lediglich unsere verdammte Pflicht getan und die einzig halbwegs humane Antwort an der Urne gegeben haben. Es ist schon ein Grund zum Partymachen, dass die Arschlöcher mal nicht gewonnen haben.

Und das kann’s nicht sein. Das kann’s doch echt nicht sein. Das darf doch nicht das höchste Ziel sein. Der Keks fürs Teilnehmen.

Ich meine, ich weiß es ja auch nicht besser, ich kann es ja auch nicht besser, ich hab ja auch keine Lösungen. Ich sag nur: Keine Kekse mehr, bitte. Und dann lese ich diesen Artikel hier wieder und wieder durch, weil er zwar spezifisch ist, aber halt auch allgemein anwendbar:

The sheer premise of woke is comical, since it most certainly is a myth: Once a white person has fulfilled the necessary requirements to prove a true understanding of their white privilege, they are anointed (typically by black consignees) woke. You are an elevated, “awakened” white person. The term is the evolutionary advancement of down, a once-popular way to describe a white person who understands, or is even well-versed in, certain aspects of black culture (see: Julia Stiles by the end of Save the Last Dance). While down implied the sheer knowledge of things, woke is almost this assumed, inherent understanding. One can get there in a variety of ways: a racially savvy conversation on Twitter (that certainly could have just been a private text message); a selfie of one wearing a James Baldwin T-shirt while reading Just Mercy on the train; a lengthy Facebook post about how mad one is about that thing on that day; or questioning the intentions of lesser “woke” white people. It’s funny because, in actuality, there are few better examples of white privilege than white people crafting their own perfect “woke” narrative and having it work.

Und ich versuche weiter mein Bestes, auf dass es irgendwann mal besser sei als nichtscheiße.

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