63

Neulich morgens spielte der Sohn schon im Wohnzimmer und hörte Radio, während ich noch schlief. Plötzlich platzte er ins Schlafzimmer und brüllte: „MAMA! Weißt du, was dieser Trump gesagt hat? Der hat gesagt, die Merkel ruiniert Deutschland mit den Flüchtlingen! Der meckert nur! Der spinnt doch!“

Nun sind wir hier nicht zwingend die größten Merkelfans der Welt, aber wie ich bereits erwähnt habe: Der Sohn hat selbst immer wieder direkten Kontakt mit geflüchteten Kindern und Erwachsenen, und eine der wichtigsten Eigenschaften, die ich ihm mit auf den Weg geben möchte, ist Empathie. Deswegen versuche ich ihn auch nicht mit „Das ist so, und das ist Fakt!“ zu indoktrinieren, sondern erkläre ihm jeweils meine Meinung zu gewissen Themen und frage ihn dann, wie er das sieht. Also zum Beispiel: „Es gibt Leute, die sind der Meinung, dass andere Menschen weniger wert sind, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben oder woanders herkommen. Ich finde ja, das ist ziemlicher Quatsch, weil es ja eigentlich nur wichtig ist, wie sich jemand verhält. Wie siehst du das?“

Bisher stimmt er mir da zu. Dem Thema Aus- und Abgrenzung begegnet er allerdings derzeit auch vorwiegend im Kindergarten, wenn Kumpel sagen, dass irgendetwas für Mädchen ist oder Mädchen schwächer sind und so weiter. Da kann er gut dagegenhalten, weil ich ihm entsprechende Argumente geliefert habe. Und offensichtlich – siehe sein Urteil über Trump – bleibt auch sonst so einiges hängen. Das zeigte sich auch heute wieder im Elterngespräch: Ja, da gibt es noch Probleme mit Feinmotorik und sich leicht ablenken lassen, das ist bekannt, daran arbeiten wir, aber es dauert halt, denn Erzwingen lässt sich da beim besten Willen nichts. Aber ansonsten: Hohe Sozialkompetenz, er hilft, er kümmert sich, er geht Kompromisse ein und löst Konflikte verbal. Immerhin im Kindergarten – zuhause klappt das nicht immer so toll, da gilt halt die altbekannte Regel „Kinder benehmen sich bei denen am schlechtesten, denen sie am meisten vertrauen“, und das ist zwar anstrengend, aber letztendlich okay so.

Nur. Ich mach mir Sorgen. Das klingt vermutlich albern, komplimentefischerig und nach dem, was im angelsächsischen Raum „humblebragging“ genannt wird, aber ich mach mir nun mal Gedanken darüber, ob diese Kompetenzen in der heutigen Gesellschaft so förderlich sind, wie ich es mir wünsche. Der Sohn hat zwar durchaus eine kompetitive Ader (das können alle bestätigen, die jemals mit ihm Memory gespielt haben), aber die Sache mit dem „Ellenbogen raus und los“, die liegt ihm nicht. Er ist kein Vordrängler, und von wem sollte er es auch lernen? Ich bin nicht so, der Mann ist nicht so.

Klar, es ist edel und löblich, sein Kind zu einem guten Menschen erziehen zu wollen. Aber ich möchte nicht, dass er später mal einer dieser „nice guys“ wird, die gar nicht so „nice“ sind. Also jemand, der sich nur darüber beschwert, dass die Arschlöcher die Welt regieren und ein guter Kerl wie er nicht zum Zug kommt, und dass es ja garantiert mal nicht im Geringsten an ihm liegen kann, sondern dass alle anderen schuld daran sind. Ich möchte andererseits auch nicht, dass er sich später mal dauerhinterfragt, wie ich es selbst immer noch viel zu oft tue: Liegt es an mir? Bestimmt liegt es an mir! Was hab ich getan! Aaaaah, ich bin der schlechteste Mensch der Welt!

Es muss irgendwo einen Mittelweg geben, seinem Kind ein gesundes Selbstbewusstsein, ein gesundes Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, ohne dass es zum vielbeklagten und -beschriebenen Tyrannen wird. Bis ich den gefunden habe, mach ich halt so weiter wie bisher: Nach bestem Wissen und Gewissen, mal improvisiert, mal unsouverän. Ich kann nicht anders, ob ich nun hier stehe oder dort sitze, um Luther mal komplett falsch zu zitieren (der den Satz ja eh nicht gesagt hat, angeblich).

Allerdings sei (möglicherweise zum wiederholten Male, mir fehlt der Überblick) erwähnt, dass der Sohn mich neulich auch fragte, was man denn studieren muss, um Bundespräsident zu werden. Vielleicht klappt es ja doch mit der Karriere.

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Ein Gedanke zu “63

  1. Ich glaube ich kann deine Bedenken verstehen, aber ich finde es ist ja auch immer irgendwann eine Zeit für alles. Also nur weil der Fokus jetzt gerade auf etwas anderem liegt, heißt es ja nicht, dass der Sohn nicht auch noch mal Menschen im Leben hat, die ihm vielleicht was anderes beibringen oder zeigen können und in der Schule wird das eh noch mal ganz anders. Also was ich damit sagen will: Er hat noch soooo viel Zeit und ich glaube man kann jetzt noch gar nicht sagen, wo das am Ende mal hinführen wird 🙂 Außerdem finde ich, ihr macht von der Ferne gesehen immer einen sehr guten Job! <3

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