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Den Satz „Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht“ haben vermutlich fast alle mal als Kinder gehört oder als Eltern ausgesprochen. Ich sag ja jeweils lieber „Ich bin jetzt stinkesauer!“, weil’s meistens korrekter ist. Das gilt auch für andere Lebensbereiche. Wahlen zum Beispiel. Ich bin nicht schockiert, ich kann es mir als heterosexuell gelesene Cis-Person weißer Hautfarbe auch leisten, erst mal keine Angst zu haben. Ich bin allerdings zugegebenermaßen stinksauer.

Natürlich bin ich stinksauer auf die Leute, die es für eine gute Idee halten, AfD zu wählen. Am Rande sei erwähnt, wie interessant es doch ist, dass die ALFA ja wohl keine wirkliche Rolle gespielt hat. Die Leute wollen halt Echte Rechte. Ach nee, sorry, Mitte. Wobei, auch wenn ihr Hitler scheiße findet und euch ja eigentlich nur Sorgen um die Zukunft macht, ihr habt da trotzdem bei einer Partei mit Nazi-Wahlprogramm euer Kreuzchen gesetzt. Aber ich setze jetzt einfach mal voraus, dass ihr wisst, was die AfD wirklich will.

Womit ich beim zweiten Punkt meiner Wut wäre: Dieser ewige „Den sie wissen nicht, was sie tun“-Mythos in Bezug auf Menschen, die AfD oder ähnliche Parteien wählen, muss endlich aufhören. Damit entbinden wir sie von jeglicher Verantwortung. Es bringt überhaupt nichts, diese Leute ständig zu verhöhnen und kleinzureden und dann anschließend beim Betrachten der Resultate entsetzt „Wie schockierend! Wie schrecklich!“ zu brüllen. Merkt ihr selbst, gell? Und nein, ich habe keine wirkliche Lösung für dieses Problem. Mir ist auch klar, dass Diskussionen schwierig bis unmöglich sind, wenn es sich das Gegenüber bereits von vorneherein in der Opferrolle gemütlich gemacht hat und jegliche Kritik als „Alle sind gegen mich, nur die nicht!“ einordnet. Und wenn Nach-Unten-Treten als logische Reaktion auf das System angewendet (und natürlich vom System übernommen) wird. Aber ich weiß einfach, dass Auslachen langfristig nichts bringt. Sonst sitzt eins dann halt am Wahlabend da und ist schockiert.

(Das gilt übrigens auch für alles, was sich derzeit politisch in den USA abspielt.)

Es ist aber auch einfach möglich, dass ich weniger schockiert bin als viele Deutsche, weil ich seit Jahren sehe, was die SVP in der Schweiz anrichtet. Vielleicht bin ich abgestumpft, was Entsetzen über diese Themen angeht. Ja, ich finde das alles sehr schlimm, und ja, ich versuche im Alltag dagegenzuhalten, wo es nur geht, allerdings: Ich empfinde kein Entsetzen, nur dumpfe Bestätigung. Aber es hilft halt nix, ich werde jetzt nicht in händeringende Verzweiflung verfallen, und schon gar nicht werde ich Auswanderungsgedanken wälzen, denn a) bin ich hierher eingewandert und b) geht es mir hier Sonne-scheint-aus-Arsch-mäßig gut, und ich werte mich hüten, die tatsächliche akute Bedrohung zu delegitimieren, der Menschen ausgesetzt sind, die nicht meinem Profil (siehe oben Cishet, weiß) entsprechen. Ich bleib halt hier und wehre mich gerade auch im Namen anderer und kümmere mich jetzt dann endlich mal um meine Einbürgerung.

Falls hier und drüben bei Twitter und Facebook in Zukunft weniger über Flammenwerfer geschrieben wird: Ich arbeite an meinem Image als Staatsbürgerschaftswürdige.

Als positive Schlussbemerkung sei aber noch das Resultat von hier, dem tiefsten Südschwarzwald festgehalten. Und nein, die Ba-Wü-Grünen sind beim besten Willen nicht unkritisch hinzunehmen (Macht korrumpiert, abgrundtiefer Seufzer), aber das hier habe ich dann doch ziemlich abgefeiert:

boellen

Und das Hakenkreuz, das wer in Schönau an eine Mauer gesprayt hat, hat übrigens jemand anderes mit einer lächelnden Sonne übermalt.

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