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Wie es gerne mal im digitalen Zeitalter der Fall ist, geriet ich nach der kurzen Mitbetrachtung einer Videospieldoku im Fernsehen beim Googeln vom Hundertsten ins Tausendste. Erst landete ich bei den Videosequenzen zu Dragon Lore 2, das ich geliebt habe, als ungefähr einziger Mensch auf der Welt. Dann hab ich bei Youtube eine komplette Let’s-Play-Version von Secret of Evermore gefunden, die ich mir in den nächsten Tagen häppchenweise zu Gemüte führen werde, denn das Spiel ist beim besten Willen nicht nur meiner Meinung nach ein komplett unterschätztes Werk. Und von den Spielen kam ich auf die Leute, mit denen ich gespielt habe damals. Konkret: Während meiner Studienzeit in Australien.

Den ersten Ex-WG-Genossen habe ich schon vor einiger Zeit wiedergefunden, beim zweiten erinnere ich mich nicht mehr an den Namen, aber der wohnte auch nur ein Semester lang bei uns im Haus. Über unseren „Vermieter“, also den Sohn der Hausbesitzer, der auch dort wohnte, hatte ich bei früheren Googleversuchen nichts gefunden. Kein Wunder, sein Name ist zumindest in der westlichen Variante ziemlich weit verbreitet. Diesmal nahm ich seine mittleren, chinesischen Vornamen noch mit dazu.

Und wurde fündig.

Auf der Website eines Friedhofes, wo Gräber aufgelistet waren.

Nun kann es natürlich sein, dass zufällig in der Stadt, in der wir wohnten, jemand mit dem gleichen Namen und dem gleichen Jahrgang gestorben ist. Klar. Ich möchte das gerne glauben. Nicht zuletzt, weil der Eintrag schon aus dem Jahr 2007 stammt. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass es hier keinen Zufall gibt. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass seine Dämonen gewonnen haben. Und er hatte so einige davon.

Ich könnte hier Geschichte um Geschichte erzählen, um dies zu belegen, aber es sind nicht meine Geschichten, es sind seine. Und während ich an die Aussage „One owes respect only to the living, to the dead one only owes truth“ absolut glaube, so finde ich es hier doch nicht richtig, irgendwie.

Was genau passiert ist, weiß ich natürlich nicht. Aber ich habe drei Jahre lang miterlebt, wie er sich an seinem Leben, der Gesellschaft, der Welt aufgerieben hat, und wenn er irgendwann nicht mehr kämpfen wollte oder nicht mehr kämpfen konnte, dann war das sein gutes Recht. Er hat genug getan. Denn lustigerweise hat er nicht nur immer mit sich, sondern vor allem auch für andere gekämpft, sich engagiert, genau dort nicht aufgegeben, wo er selber immer wieder scheiterte.

(Ja, natürlich, dieses Verhalten kommt mir bekannt vor. Würde ich fix an Astrologie glauben, ich könnte euch so einiges erzählen über die Persönlichkeitsdynamik derer, die auf der Grenze zwischen Wassermann und Fisch geboren wurden, aber eben: Würde…)

Ich versuche gerade zu erforschen, was ich empfinde, aber es ist schwierig in Worte zu fassen. Ich bin nicht schockiert oder überrascht, wie gesagt, dafür habe ich ihn zu lange live erlebt. Ich wünsche mir natürlich, dass ich mit meinen Vermutungen komplett falsch liege, und es – siehe oben – jemand ganz anderes ist, oder er auf andere Weise gestorben ist, als ich es befürchte. Am liebsten wäre mir „im Kreise seiner Liebsten sanft entschlafen“, wie es so fürchterlich formuliert heißt. Aber am allermeisten wünsche ich mir, dass er jetzt vielleicht irgendwo ein wenig Ruhe hat.

Auch das ein komplettes Klischee, logisch. Nur: Ich würde es ihm so gönnen.

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