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Der Sohn besuchte diese Woche im Kindergarten zusammen mit den anderen Schulanfänger_innen den Kurs „Mut tut gut“. Wir Eltern wurden bei einem Elternabend darüber informiert, was die Kinder da genau alles machen und lernen. Und nicht zuletzt auch, was wir machen und lernen können, um unsere Kinder in Bezug auf Gewalt und vor allem sexualisierte Gewalt zu schützen und sie in ihrem Selbstbewusstsein zu bestärken.

Ich fand sowohl die Elterninfo und die Reaktionen des Sohnes wichtig und spannend. Bei uns zuhause gehen wir eigentlich sehr offen mit dem menschlichen Körper um, wir benennen alles beim Namen und benutzen keine Kosewörter, das heißt Penis und Scheide oder Vagina, und was wozu dient, haben wir dem Sohn eigentlich auch vermittelt. Glaube ich zumindest – ich kann mich nicht bewusst an irgendein Aufklärungsgespräch erinnern. Aber er weiß zum Beispiel, dass er aus mir rausgeschnitten und nicht auf natürlichem Wege geboren wurde. Er weiß auch, dass er selber darüber bestimmen darf, wer ihn wo anfassen darf und dass er Körperkontakt jederzeit ablehnen kann. Wir respektieren das auch entsprechend – wenn er keinen Kuss will, lass ich es eben bleiben, und wenn er beim Kitzeln „AUFHÖREN!!!“ brüllt, wird die Sache beendet. Wir bedingen uns allerdings diesen Respekt auch für unsere Körper aus. Das klappt, nun ja, meistens.

Natürlich gab es Bedenken bei manchen Eltern in Bezug auf den Kurs. Verständlich – wir als Erwachsene haben komplett andere Assoziationen als Kinder, wenn es um Dinge geht, die sich um Sexualität drehen. Denn wir ordnen den Begriff aufgrund unserer Sozialisierung und Erfahrung anders ein. Und wir werten, natürlich. Wir müssen mit unserer eigenen Schamhaftigkeit umgehen und uns damit konfrontieren, inwiefern wir sie unseren Kindern aufdrücken wollen.

Für mich geht es in dieser Frage wie so ziemlich bei allen Erziehungsthemen um Vertrauen. Einerseits soll mein Kind mir vertrauen können, dass ich beurteilen kann, was jetzt gerade, in dieser Phase seiner Kindheit, richtig und angebracht ist. Und andererseits muss ich meinem Kind das Vertrauen schenken, dass es auch selbst beurteilen kann, was richtig und angebracht ist. Meine Hoffnung ist, dass das bei uns ganz gut klappt – als Beispiel seien hier die diversen Lebenslektionen angeführt, die ich dem Sohn so im Alltag nebenbei mit auf den Weg gebe. Ich merke jeweils schnell, wann etwas ankommt und wann nicht. Ob es nun mit einem „Jaja“ abgetan wird oder die Konzentration rapide nachlässt – wenn es ihn nicht interessiert, wird es ganz schnell ausgeblendet. Wenn ich Glück habe, bleibt etwas hängen. Wenn nicht, nun denn, ein anderes Mal vielleicht. Ich dringe dann meistens auch nicht weiter in ihn, er soll selbst entscheiden, inwiefern er gerade aufnahmefähig ist oder nicht.

Ich vertraue darauf, dass er im Zweifelsfall irgendetwas von dem mitnimmt, was ich zu vermitteln versuche. Und er vertraut darauf, dass ich ihm die Welt so vermittle, dass er sie verstehen kann.

Und jetzt dank des Kurses neu im Programm: Sehr viel „Nein, lass das sein!“ und ähnliche Bemerkungen, vermehrte Erläuterungen seiner Gefühle („Gerade war ich nur ein bisschen sauer, jetzt bin ich richtig wütend!“) und natürlich der allgemeine Stolz darauf, was er da alles gelernt hat. Und viele kleine Anekdoten aus dem Unterricht, wenn auch zeitlich versetzt, weil bei ihm alles immer ein bisschen verarbeitet werden muss. Aber auch da gilt: Wenn er nicht darüber reden will, muss er es nicht tun.

Es folgt: Ein Gedankensprung. Ich werde versuchen, die Zusammenhänge zu vermitteln.

Gestern hat die evangelische Kirche in Baden (Ekiba) anlässlich ihrer Synode beschlossen, die kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Paare zuzulassen. Ich bin über meine Schwägerin bei Facebook über diese Nachricht gestolpert und habe mal wieder den Fehler begangen, die Kommentare zu lesen.

Nun ja.

Von „ungutem Verhalten“ in Bezug auf Homosexualität wurde gesprochen, als ob sexuelle Orientierung irgendetwas mit Wahlfreiheit zu tun hätte. „Verhalten“ ist etwas, für das wir uns entscheiden. Weswegen übrigens auch „Homophobie“ ein fehlerhafter, übler Begriff ist. Eine Phobie ist nichts, was wir uns freiwillig aussuchen. „Homofeindlichkeit“, „Homohass“, das wären die korrekten Bezeichnungen. Denn davon können wir uns abwenden, wenn wir denn wollen. Wäre übrigens auch ein christlicher, wenn nicht sogar religionsübergreifender Gedanke – „Hass, Wut, Angst – die dunkle Seite der Macht“ und so.

Natürlich erstaunte es mich wenig, was ich bei den Leuten fand, die sich so oder ähnlich äußerten, als ich ihre Facebookseiten besuchte. Ja, ich tue das bei FB-Diskussionen sehr oft, weil ich einzelne Aussagen gerne in einem größeren Zusammenhang einordnen möchte. Aber meistens bestätigt sich dann nur, was ich schon vermutet hatte: Mit diesen Leuten habe ich, gelinde gesagt, wenig gemeinsam. Anti-Impf-Parolen, Hetze gegen Muslime, Chemtrails und diverse Beatrix-von-Storch- und andere AfD-Zitate. EkibAfd? Eine seltsame Kombination, mit der die Kirche selbst sich nicht assoziiert sehen möchte. Ich vermute also, die Austrittsdrohungen werden da eher gelassen registriert und hoffentlich unter „Dann nehme ich halt mein Spielzeug und gehe heim“ eingeordnet, wo sie meines Erachtens hingehören.

In anderen Aspekten finde ich mich wieder: Heterosexuell (nun ja, ich werde bekanntlich als heterosexuell gelesen, obwohl ich mich als bisexuell identifiziere), finanziell abgesichert, weiß, privilegiert. Allein, alles in mir schreit danach, mit dem Finger zu zeigen und klarzustellen „Ich bin nicht wie diese da!“. Weiß aber halt nur kaum wer. Und ist ja irgendwie auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist für mich die Frage nach dem Warum.

Warum ist es so schlimm, wenn Diskriminierte gleiche Rechte erhalten? Was geht uns dabei verloren? Gerade, wenn es nicht einmal um die oftmals so in den Vordergrund gerückten möglichen materiellen Verluste geht, sondern um augenscheinlich rein spirituelle Angelegenheiten? Ist mein Glaube weniger wert, weil er alle mit einschließt und nicht nur die traditionell vermittelte, eng begrenzte Definition von „guten Christenmenschen“? Ich meine, mein Wissen in Bezug auf das Christentum ist absolut lachhaft laienhaft, die einzige Maxime, die sich mir eingebrannt hat und nach der ich zu leben versuche, ist das gute alte „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. Und mit den „Nächsten“ meine ich eben nicht nur diejenigen, die mir von der Denk- und Lebensweise am nächsten sind. Ich meine auch die Menschen, die eben traditionell ausgeschlossen sind. Und zwar nicht im Sinne von „Siehe, ich edles Wesen, ich werde dir zu Hülf kommen“, sondern mit dem Hintergedanken, dass wir alle gleichwertig im Sinne von gleich viel wert sind.

(Wo es bei diesem Gedanken der Nächstenliebe hapert: Siehe oben. Bei denjenigen, die so sind wie ich und sich ihrer Privilegien nicht bewusst sind oder die sich verfolgt fühlen, weil sie privilegiert sind. Jo. Auch so eine meiner Lebensaufgaben, direkt neben Hass, Wut, Angst und der dunklen Seite der Macht…)

Und was mir auch ein Rätsel ist: Wenn diese Menschen so gefestigt sind in ihrem Glauben daran, dass ihre Version des Christentums die einzig Wahre ist, dass ihr Bild von Gott die einzig richtige Vorstellung ist und ihre Interpretation von Gottes Wort die einzig gültige – warum erschüttert sie solch eine Entscheidung so? Weil sie menschengemacht ist? Aber ist es nicht letztendlich Gott, der die Menschen leitet? Müsste es nicht eigentlich so sein, dass auch dies irgendwo im großen göttlichen Ganzen Sinn ergibt? Oder geht es wirklich nur darum, dass alle anderen fehlgeleitet sind, nur sie nicht?

Ein Gefühl, das ich von mir übrigens auch nur zu gut kenne: Dieser Gedanke „Merkt eigentlich hier niemand, wie falsch alle liegen?“. Allerdings fällt mir dann immer der Spruch mit dem Falschfahrer ein, der sich der Radiodurchsage gegenüber beschwert: „Was heißt hier ein Falschfahrer, die fahren alle in die falsche Richtung!“…

Wie dem auch sei, um den Kreis zum Anfang des Eintrags zu schließen: Mir drängte sich in diesem Zusammenhang erneut der Gedanke an das Thema „Vertrauen“ auf: „Vertrauen diese Menschen so wenig auf ihren Gott, dass sie aufgrund dieser Entscheidung gleich ihre ganze Beziehung zur Kirche infrage stellen?“. Aber letztendlich habe ich sie mir ja bereits beim Tippen selbst beantwortet: Sie vertrauen vor allem ihren Mitmenschen nicht. Auch hier: Kenne ich. Lebensaufgabe. Nur bin ich froh und dankbar, dass irgendwo tief in mir drin, egal wie schlecht es mir psychisch oder auch mal körperlich geht, der Grundgedanke herrscht, dass es gut wird.

Egal was es ist. Und das macht mir Mut.

Mut tut gut.

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