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Bei Twitter ist mir heute dieser Thread zum Thema Catcalling, Sexismus, unerwünschte Sexualisierung und Male Gaze begegnet. Ich hab genickt und gedacht: „Ja, verdammt noch mal.“ Was ich allerdings nicht gedacht habe: „Kenne ich, geht mir genauso.“

Denn ich kenne das kaum persönlich. Der offensichtlichste Grund: Ich bin dick.

Und wer jetzt sagt, dass es ja wohl nicht nur daran liegen kann, dem sei gesagt: Ich war auch mal ein paar Jahre schlank. Weswegen da oben ja auch „kaum“ steht und nicht „nicht“. Ich habe durchaus auch Erfahrungen in meinem Leben gemacht, in denen ich gegen meinen Willen sexualisiert wurde oder komplett auf meine Sexualität reduziert wurde (hallo Beziehungen aus dieser Zeit…). Es passiert aber kaum, seit ich wieder zugenommen habe. Seitdem begegnet mir ein anderes Phänomen.

Ich will jetzt nicht meine Erfahrungen und Nhi Les Erlebnisse vergleichen oder das irgendwie werten – beides übel, beides systembedingt, und dann spielen auch noch andere intersektionelle Themen mit rein. Und wir bedenken hier immer, dass ich durch Herkunft, Hautfarbe, Bildung, Finanzen, Hetero-Passing und diverse andere Aspekte privilegiert bin. Nicht zuletzt gehöre ich außerdem eher in die Kategorie „Small Fat“, ich werde also weniger diskriminiert als Leute, die dicker sind als ich. Ich kam nur von einem aufs andere und deswegen reden wir doch einfach mal über Desexualisierung aus meiner persönlichen Sicht (my experience = not universal, gell?). Als Dicke habe ich in den Augen der Gesellschaft das Recht verwirkt, ein sexuelles Wesen zu sein, außer auf der Fetischebene vielleicht. Klar, „was die zuhause treiben, ist mir ja egal, aber…“

– „Niemand“ will das im Fernsehen sehen
– „Niemand“ will liebevolle oder gar sexuell angehauchte Gesten zwischen Dicken oder auch einer dicken und einer schlanken Person in der Öffentlichkeit sehen
– „Niemand“ will Dicke in Kleidung sehen, die nicht alles verhüllt. Sommerklamotten? Tja, Lang- oder zumindest Kurzarmsackkleid, möglichst beinverhüllend, or go home.

Und das alles natürlich unter dem Deckmantel der Ästhetik. Ist ja nicht persönlich, ist halt einfach nur hässlich anzusehen. Und wohlgemerkt sind Frauen* meinem Empfinden nach davon viel häufiger betroffen als Männer*. „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ lässt grüßen. Die Temperaturen steigen, die T-Shirts kommen runter, die Männerbrust muss gebräunt werden. Und dann nebenbei „Motorrad fahren und den Mädchen auf die Hot Pants gucken“, wie es neulich ein Hörer bei SWR3 formulierte…

Nun ist es so: Natürlich, ich könnte die ganze warme Jahreszeit über in Säcken rumlaufen, die ich als unvorteilhaft empfinde und in denen ich viel mehr schwitze als in anderen Outfits. Dann biete ich immerhin noch die „Urghs, guck mal wie die Dicke schwitzt“-Angriffsfläche, we aim to please und so. Aber nun ja, ich schwitze eben nicht so gern. Ich trage lieber Tanktops, gerne auch mal taillierte T-Shirts und dazu knielange Jeans, Shorts oder gar Minirock. Nicht zuletzt, weil ich mich darin einfacher auf dem Spielplatz, im Garten oder wo ich gerade mit dem Sohn unterwegs bin bewegen kann. Kleidung muss bequem sein und ich muss mich darin wohlfühlen. Ich kleide mich also in keinster Weise irgendwie revolutionär, sondern im Vergleich zu vor ein paar Jahren extrem innerhalb des Standards. Und doch, dieser Mindestanspruch meinerseits ist für viele schon ein Frevel, weil er offenbar ihre verletzten Gefühle nicht miteinbezieht, die sie erleben, wenn sie in meine Richtung gucken. Weil sie ja in meine Richtung gucken müssen. Gesetzlich verpflichtet oder so.

Nein, ich beklage mich nicht darüber, dass mir kein Catcalling passiert oder ich unerwünscht sexualisiert werde. Um Himmels Willen. Ich wünsche mir einfach eine Gesellschaft, in der wir da hingucken, wo es wichtig ist (also wo echtes Unrecht passiert) und da weggucken, wo es uns schlichtweg verdammt noch mal nichts angeht.

(Anekdote zum Abschluss: Ich hab mir am Wochenende endlich mal wieder hübsche Unterwäsche gekauft. Das ist ja irgendwie seit der Geburt des Sohnes komplett untergegangen, Mütter als desexualisierte Wesen, auch so ein Thema… und ich habe ihn in der C&A-Umkleide probiert. Das habe ich, soweit ich mich erinnern kann, das letzte Mal vor der Hochzeit gemacht, im Spezialgeschäft, wo sich nur Frauen aufhielten. Der Grund für meine diesbezügliche Blockade? Nun, als ich 15 war, habe ich im H&M mal einen BH anprobiert. Damals gab es dort nur so halbhohe Türen, über deren Rand geguckt werden konnte. Was dann auch dazu führte, dass ich irgendwann bemerkte, dass mir ein Typ hemmungslos beim Umziehen zuguckte. Sobald sich unsere Blicke trafen, verschwand er natürlich, und ich hatte weder die Geistesgegenwart noch den Mut, ihm hinterherzubrüllen – hinterherrennen ging schlecht, da ich ja obenrum nackt war.

Wie gesagt: „Kaum“ Erfahrungen. Nicht „keine“. Das war eine davon.)

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