Ein Standpunktsalat

Überall wird gerade immens betont, dass „wir“ ja gerade jetzt, nachdem Trump gewählt wurde, mit „denen“ reden sollen. Raus aus der „Filterbubble“, weg mit der „Arroganz“, mehr Demut für die „Eliten“!
Warum die ganzen Anführungszeichen? Nun, gehen wir das mal der Reihe nach durch: 1. Meiner Ansicht nach gibt es selten ein wirklich klar definiertes „wir“ und „die“, denn die Probleme in unserer Gesellschaft sind oftmals viel weniger persönlich als systemisch. 2. Ja, ich habe mir eine Online-Filterbubble erschaffen, in der ich möglichst Gleichgesinnte sammle. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht mitkriege, was die Menschen sagen, die anderer Meinung sind als ich. Für mich ist meine Blase schlichtweg ein Ort, in dem ich meistens das Gefühl habe, nicht komplett falsch zu liegen mit meinen Ansichten. Solche Ecken im Internet suchen sich übrigens sehr viele Leute, nicht nur die 3. vermeintlich arrogante Elite. Wisst ihr, ich streite nicht im Geringsten ab, dass gerade in meiner politischen Ecke der Ableismus und Klassismus grassiert, dass viel zu oft die intellektuellen Fähigkeiten der Andersgesinnten in Frage gestellt werden und ihr ökonomischer Status als selbstverschuldete Vorverurteilung benutzt wird. Das ist absolut so, das ist widerlich, das muss aufhören.

Aber.

Trump wurde nicht nur von den Menschen gewählt, die sich wirtschaftlich zurückgelassen fühlen, oder von den Menschen, die angeblich zu wenig intellektuelle Bildung genossen haben (urghs!). Im Gegenteil. Statistisch gesehen haben ihn vor allem auch diejenigen gewählt, denen es bereits jetzt gut geht. Diejenigen, die sich mit dem Status Quo zufriedengeben können und befürchten, ihnen könnte von mehr Gleichberechtigung (egal in welchem Bereich) etwas weggenommen werden. Von denjenigen, die bereits jetzt Macht besitzen und nicht bereit sind zu teilen – hallo weiße Männer. Aber auch: Hallo weiße Frauen. Also solche Leute wie… na ja, genau so Leute wie ich, ne. Und mit denen rede ich jetzt, ich führe quasi ein Selbstgespräch, denn den wirklich Marginalisierten muss ich das beim besten Willen nicht erklären. Und sie sollten euch nichts erklären müssen, das ist nicht ihr Job und nicht ihre Pflicht, wir müssen selber lernen. Einander zuhören. Oder noch besser: Ihnen.

Machen wir uns nichts vor, das Konzept „weißer Feminismus“ endet viel zu oft an der Haltestelle „Ich bin eine Frau, ich werde diskriminiert“ (An dieser Stelle hätte ich fast geschrieben „Das streitet ja auch niemand ab“, aber muahahaha!). Der Bus fährt allerdings weiter runter ins Tal. Da gibt es noch „Ich bin eine Frau, deren Hautfarbe nicht weiß ist“, es gibt „Ich bin eine Frau, deren Religion nicht das Christentum ist“, es gibt „Ich bin eine Frau mit gesundheitlichen Problemen“, „Ich bin eine nicht rein heterosexuelle Frau“, „Ich bin eine Transfrau“, „Ich bin eine Frau, die in Armut lebt“ und so weiter, und so fort. Und sehr viele Frauen müssten an mehreren dieser Haltestellen aussteigen. Das gilt übrigens auch für Männer und Nonbinary-Menschen. Letztendlich wohnen wir als weiße, heterosexuelle (oder als solche wahrgenommene…) Cis-Frauen noch immer sehr nahe am Stadtzentrum und unsere Infrastruktur ist mehr als passabel. Das sollte uns klar sein, und deswegen sollten wir uns bemühen, alle Diskriminierten in unseren Aktivismus miteinzubeziehen. Insbesondere alle Menschen, die sich als Frauen identifizieren.

Gerade wenn es um jemanden wie Donald Trump geht, der vielfach offen gezeigt hat, dass er Frauen nicht im Geringsten respektiert. Ich zähle jetzt keine Beispiele auf, ich kann es nicht mehr hören, und ich werde doch noch so viel mehr davon hören.

Aber warum wählen Frauen Trump? Also, ganz abgesehen von der „BUT HILLARY!!!“-Rhetorik? Ist es wirklich so einfach, dass sie halt für den Typen ihre Stimmen abgeben, den ihr Mann wählen will? Na ja. In manchen Fällen mag es so sein. Aber das hängt eben auch mit unserer internalisierten Misogynie zusammen, mit dem althergebrachten und ewig eingetrichterten Glauben, dass Männer mehr Ahnung haben. Dass es besser ist, wenn Männer die Macht haben, sicherer, weil: War ja schon immer so. Dass es unziemlich ist, wenn eine Frau Macht außerhalb der ihr zugedachten Rolle will – machen wir uns nichts vor, in der traditionalistischen Gesellschaft ist es durchaus so, dass Frauen auch Macht besitzen, aber eben innerhalb der Familie, da wo sie hingehören, nicht wahr… (Ich bin mir der Ironie bewusst, dass meine Rolle genau die ist, die ich eben beschrieben habe, ja…)

Und dass es eben auch okay ist, wenn ein Mann dich schlecht behandelt, denn immerhin bedeutet das, dass er dich wahrnimmt. Und das ist das Wichtigste. Ich finde das so unglaublich widerlich, und dennoch merke ich immer wieder, wie sehr ich selbst darauf konditioniert bin. Denn ich bin eine von denen, die Männer selten wahrnehmen, zumindest nicht in der Art, wie Frauen traditionell wahrgenommen werden sollen: Als erstrebenswerte Trophäe. Und es gibt immer noch Momente, in denen ich damit hadere – hallo Selbsthass. Das Gefühl „Mir hat nie ein Bauarbeiter hinterhergepfiffen“ als Gefühl, das schmerzt zum Beispiel. Ich habe sowieso eine „Nimm mich wahr, nimm mich ernst, beachte mich, liebe mich“-Persönlichkeit, und durch die mir zugedachte Rolle, die ich schon als Jugendliche kaum erfüllen konnte, oft nicht erfüllen wollte und mittlerweile auch nie mehr erfüllen werde, wurde das alles natürlich noch amplifiziert. So gesehen: Es mag durchaus verführerisch erscheinen, den Mann zu wählen, den andere Männer gut finden, der Frauen noch traditionell schlecht behandelt, wenn eins selber nie etwas anderes erlebt hat. Eine auf extrem verquere Art logische Konsequenz, quasi. Und wenn ich den Mann als Mittelpunkt, als Endziel betrachte, dann suche ich mir natürlich auch den Alphamann mit Macht und Geld aus. Und passe mich an.

Apropos: Nicht nur bei mir, sondern auch in vielen anderen heterosexuellen Beziehungen nehme ich seit Jahrzehnten wahr, dass die Frau sich an den Mann anpasst, ob es nun um Hobbys, kulturellen Geschmack oder politische Ansichten geht. Sogar in Bezug auf die Kleidung – ich weiß noch, wie ich mir in meiner a-ha-Fanphase Lederbänder um den Arm wickelte, mir Flanellhemden kaufte, als ich mit einem Grungeboy zusammen war, die CDs bestellte, die ein verehrter Musiker empfiehl… meine popkulturelle Erziehung lässt sich in allzu vielen Aspekten unter „Cherchez l’homme“ zusammenfassen. Denn was er gut findet, muss ja besser sein als das, was ich gut finde. Auch darin erlebe ich immer noch ab und zu Rückfälle: Das Denken, dass seine Serien irgendwie gewichtiger sind als meine, sein Musikgeschmack cooler, seine politische Haltung vertretbarer. Ja. Immer noch da. Wenigstens stehe ich mittlerweile dazu, dass ich die Nolan-Batmanfilme abgesehen von Heath Ledgers Leistung scheiße finde, wobei auch der meiner Ansicht nach in „Brokeback Mountain“ besser war.

Zurück zum eigentlichen Thema: Ja, die weißen Frauen in den USA haben Trumps Wahl möglich gemacht, und ja, das liegt sicher auch an ihrer Konditionierung. Nur: Es ist möglich, diese Konditionierung zu hinterfragen, immer wieder, und sie im besten Fall so oft es geht hinter sich zu lassen. Das ist erstrebenswert, nicht der mächtige Mann als Pokal, der letztendlich nur ein Trostpreis ist und selber von weiblicher Trophäe zu weiblicher Trophäe wechselt, sobald der erste Fleck erscheint. Aber das ist eben auch anstrengend und voller Widerstände, und so ein bisschen Zufriedenheit und viel innerer Groll angesichts unerreichter, im Lebensregal verstauter Träume – nun, das scheint persönliche“Sicherheit“ zu sein, wie wir sie definieren. Und das wiederum ist anscheinend für viele Leute einiges relevanter als die Tatsache, dass viele Menschen außerhalb dieser Sicherheit leben, damit wir sie aufrechterhalten können.

Denn hier komme ich noch einmal auf die sogenannten Eliten und ihre Arroganz zu sprechen: Ja, viele von uns, die entsetzt beobachten, wie sich die Hass-Spirale weiterdreht, sind absolut scheiße privilegiert. Aber was wir anscheinend nicht vermitteln können ist, dass es uns eigentlich darum geht, dass es allen gut gehen sollte. Nur müssen die Menschen da halt auch mitmachen wollen. Leute wie Trump wirken vermutlich viel glaubhafter, weil sie ihrem Zielpublikum keine Verantwortung zuschieben, die Welt besser zu machen. „ICH sorge dafür, dass es Amerika besser geht!“, „WIR wollen Deutschland verbessern!“ – viele Menschen fügen da ein „Gut, macht mal, dann muss ich nicht“ hinzu und machen ihr Kreuzchen an der entsprechenden Stelle auf dem Wahlzettel. Nicht zuletzt, weil ihnen sonst so oft suggeriert wird, dass sie selber schuld sind, wenn es ihnen schlecht geht, denn dann muss sich das System nicht ändern. Mach Selfcare, heil dich selbst, dann funktionierst du wieder gut genug, um profitabel zu sein. Das bisschen Weltschmerz? Ach, bildest du dir nur ein, sei mal normaler, dann klappt das schon.

Und manche von uns so: „Hallo, wir hätten durchaus auch Empathie für euch, aber ihr solltet uns mal eben zuhören, wenn’s geht? Geht nicht, ihr findet, wir haben keine Ahnung davon, wie schlecht es euch geht, ah ja, okay…“, und schon hört die Diskussion auf. So geht es halt auch nicht. Reden, okay. Aber guckt euch mal an, wie oft dafür plädiert wird, den „Besorgten“, den „Zurückgelassenen“ zuzuhören, sie ernstzunehmen, Verständnis zu haben. Und guckt dann mal darauf, wie viel Kompromissbereitschaft das Gegenüber besitzt. Wie oft da einfach abgeblockt wird, weil es einfacher ist, das zu glauben, was die vermeintliche Sicherheit erhält, was angeblich der eigenen Person hilft, was vor der eingeredeten Angst beschützt… ja. Hüben wie drüben. Mit dem Unterschied, dass hüben zwar oft fehlgeleitet agiert wird, drüben allerdings Menschenhass von Wort in Tat umgesetzt wird, mit echten, nicht nur geschürten und doch nicht stattfindenden Konsequenzen.

Die einen haben Angst vor den Worten, die Leute wie Trump/Petry/Bachmann/Köppel/Le Pen/etc. ihnen in den Kopf setzen. Die anderen haben Angst vor den Taten, die durch diese Worte ausgelöst werden. Denn die finden tatsächlich statt. Hier nur ein paar Beispiele aus den USA seit der Wahl. Redet euch nicht ein, dass es irgendwo in Europa besser ist, es ist hier nur perfider, weil oftmals weniger öffentlich.

Was ist schwerwiegender?

Rhetorische Frage. Für mich zumindest. Aber nun ja, mein Leben in der Filterbubble und so. Weswegen ich das Schlusswort auch einem Privilegierten überlassen werde – einem weißen Mann. Vielleicht liest sich das alles ja glaubhafter, wenn es aus der Ecke kommt. Und wenn ja, bitte weiter im Bus sitzen bleiben, bis zur Endstation. Und einfach mal zuhören.

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