Dinge von denen – Nichts gegen, aber…

Adventspredigt. Jetzt. Wird vermutlich nicht sonderlich weihnachtlich, muss aber raus. Auch wenn ich das Gefühl habe, diese Aussagen schon zum zigstenmal zu tippen.

Der Titel der aktuellen Kolumne von Sibylle Berg lautet „Nichts gegen pinke Einhörner, aber…“ und danach geht es genau so weiter, wie man es nach diesem Satzbeginn erwartet: Nichts dagegen, aber eben doch. „Pinker Mist“ ist nämlich „dämlich“ und führt zu „Mädchen mit dem Willen zur Verblödung, die später „irgendwann mal einen Start-up-Gründer anhimmeln“.

Nun. Ich finde es auch absolut übel, wie heutzutage alles nach Geschlechtern aufgeteilt wird, von Chips über Gurken bis eben auch hin zu Spielzeug, Kleidung und Medieninhalt. Mir widerstrebt dabei allerdings nicht nur die Schubladisierung der Geschlechter, sondern auch die Tatsache, wie viele Kinder dabei außen vor gelassen werden – natürlich, die Mädchen, die eigentlich lieber mit Jungssachen spielen würden und umgekehrt. Aber halt auch die Kinder, die sich ihrem durch Äußerlichkeiten zugeteilten Geschlecht nicht zugehörig fühlen. Oder vielleicht gar keinem Geschlecht. Mir wäre es auch lieber, wenn alle Spielzeuge in allen Farben erhältlich wären, wenn in den Spielzeugabteilungen nicht Schilder mit „für Jungs“ und „für Mädchen“ hingen, und wenn die Inhalte der entsprechenden Medien nicht so extrem klischeebeladen einschränkend werden.

Natürlich sollen Mädchen das Recht haben, sich für wissenschaftliche Berufe zu entscheiden. Natürlich sollten wir das fördern. Aber ich habe hier einen Sohn, der seine Ringelsocken in Pastell heiß und innig liebte, sie aber nicht mehr in der Schule tragen will, nachdem ihm seitens eines Klassenkameraden gesagt wurde, dass die doch nur für Mädchen sind. Und damit sind wir bei der wahren Krux der Angelegenheit: Das Kernproblem ist nicht, dass alles streng nach (zwei, nun ja) Geschlechtern getrennt wird, sondern dass den Kindern vermittelt wird, dass ein Geschlecht mehr wert ist als ein anderes.

Weibliche Heldinnen sind in unserer Gesellschaft dann cool, wenn sie kick-ass und badass sind, und das definieren wir viel zu oft über Charakterzüge und Verhaltenweisen, die wir als maskulin empfinden. Gleichzeitig finden es viele Leute ganz schlimm, wenn weibliche Figuren Einzug in angeblich traditionell männliche Kultstories erhalten – Ghostbusters, zum Beispiel. Oder Star Wars. Genau, Prinzessin Leia ist ja nur im Goldbikini spannend, und wer interessiert sich schon für Mon Mothma? Verdrängung ist super zur Erhaltung der Weltanschauung…

Im realen Alltag immerhin: Als Frau* Hosen tragen? Daran stört sich kaum mehr jemand. Kurze Haare sind auch okay, obwohl da ja gerne mal die Frage „Was sagt denn der Mann dazu?“ kommt. Argh. Bei Jungs mit langen Haaren wird sich schon eher gewundert. Und Röcke? Nur Kilts, ne. Weil’s männlich macht. Nicht nur das Haushaltsspielzeug für Mädchen schränkt ein, auch das Spielzeug für Jungs. Und während ich zum Beispiel schon in den 70er Jahren mit Figuren wie der roten Zora, Pippi oder den Mädchen aus de-Cesco-Romanen aufgewachsen bin, fehlt mir auch heute noch, gerade für den Sohn, das Medienmaterial für Jungs, die sich gerne mit „weiblichen Tätigkeiten“ beschäftigen. Also lese ich halt „Madita“ vor, rede über geschlechterklischeebeladene Sprüche in den „Drei ??? Kids“ und betone die Wichtigkeit der dann doch immer irgendwie vorhandenen Quotenmädchenfiguren im Lego-Universum von „Ninjago“ und „Nexo Knights“. Und weise darauf hin, dass Zane, der weiße Ninja, sehr wohl beim Kochen eine rosageblümte Schütze tragen darf.

Denn Farben haben an sich keinen moralischen Wert. Den ordnen wir zu. Und indem wir sagen „Pink ist scheiße“, implizieren wir in einer Welt, in der Pink eine erzwungene Mädchenfarbe ist:

Pink = scheiße. Pink ist für Mädchen. Na, kriegt ihr die logische Schlussfolgerung hin?

Und ich sage dazu: Pink ist total super. Rollenklischees sind scheiße. Und vielleicht wäre die Quintessenz aus der ganzen Sache ja, dass wir Weiblichkeit aufwerten sollten, statt Mädchen zu vermitteln, dass sie nur dann zur Rettung der Welt beitragen können, wenn sie sich an die männliche Welt anpassen. Und Jungs zu vermitteln, dass sie sich erniedrigen, wenn sie sich für Mädchenkram interessieren.

„Alle Farben sind für alle da“, sprach der Sohn einmal. Und seinen Pulli mit den französischen Bulldoggen drauf, die pinkfarbene Brillen tragen, zieht er immer noch an. Auch zur Schule. Immerhin.

Und ich? Ich himmle zwar einen IT-Menschen an, weil ich mit ihm verheiratet bin, aber ich kann dem Sohn auch schon den Tipp geben, dass sein ferngesteuertes Auto vielleicht wieder funktioniert, wenn er es aus- und einschaltet. Und ich werde den Teufel tun und mir so wie früher einreden, dass der Mann irgendwie intelligenter ist als ich, nur weil er sich auf Technisches eher versteht als ich. Wir haben einfach nur unterschiedliche Interessen- und Begabungsgebiete.

Ach ja. Die Sache mit dem Einhorn noch. Das ist ein Pferd mit eingebauten Speer. Das ist ja wohl saucool in jeder Beziehung.

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3 Gedanken zu “Dinge von denen – Nichts gegen, aber…

  1. Genau.
    Ganz schlimm finde ich immer dieses „Das ist total erstaunlich, meine Tochter will alles nur in rosa, ich weiß nicht woher sie das hat, ich forciere das gaaaar nicht, das muss doch irgendwie natürlich sein.“ weil es einfach nicht stimmt. Man trägt als Eltern so viele dieser Rollenklischees tief in sich, auch wenn man sie entschieden ablehnt, und muss immer höllisch aufpassen und reflektieren, was man vor dem Kind so sagt und tut, sonst reproduziert sich das System immer und immer wieder.

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