Dinge von denen – Darüber reden

Der Sohn kam heute früh eine halbe Stunde vor der eigentlichen Weckzeit in mein Bett.
„Hallo Mama!“
„Hallo Maus. Gestern war kein so schöner Abend.“
„Warum denn?“

Also habe ich ihm erklärt, was alles passiert ist. Dass die in den USA nun endgültig beschlossen haben, dass Trump Präsident wird. Dass in Zürich jemand auf betende Menschen in einem islamischen Zentrum geschossen hat. Und dass in Berlin jemand mit einem LKW in einen Weihnachtsmarkt gerast ist.
„So wie in Frankreich? Da ist ja auch einer mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gefahren.“
„Ja. Und dabei sind 12 Leute gestorben und fast 50 verletzt worden.“.

Und dann sprachen wir darüber, dass es sich dabei möglicherweise um einen Anschlag handelte, wir aber noch nichts Genaues wissen. Und dass es sein kann, dass der Täter Muslim war.
„Ja. Muslime sind schon schlimm.“
Innerliches Grauen meinerseits. „Nein, Maus. Muslime sind überhaupt nicht schlimm, in deiner Klasse sind ja auch muslimische Kinder, und du weißt ja, dass die hierhergekommen sind, weil es ihnen in ihrem Land nicht gut ging, weil sie zum Beispiel nichts zu essen hatten oder Krieg herrschte oder…“
„Oder sie hatten kein Haus. In der Sendung mit der Maus ging es auch mal um Flüchtlinge ein paar Folgen lang.“
„Genau. Aber es gibt halt überall Menschen, die der Meinung sind, dass andere, aus welchen Gründen auch immer, weniger wertvoll sind als sie selbst. Das war zum Beispiel auch bei Hitler so. Der war der Meinung, dass Juden weniger wert sind.“
„Aber der hat die dann nicht umgebracht, oder?“
„Doch. Der hat sechs Millionen Juden töten lassen. Und Leute mit Behinderungen. Und Männer, die Männer liebten und Frauen, die Frauen liebten. Und viele andere, die nicht seiner Meinung waren.“
„So wie der Trump?“
Oh Gott. Kalte Schauer über den Rücken.
„Der hat nämlich gesagt, dass Flüchtlinge Deutschland schaden. Das hab ich schon vor Monaten im Radio gehört.“
„Ja, aber weißt du, die USA sind eine Demokratie, die lassen den hoffentlich nicht einfach machen.“
Hoffentlich.
„Wenn der Hitler aber jetzt so gewesen wäre wie die, die er töten ließ, hätte er sich da auch umgebracht?“
Puh.
„Weiß ich nicht. Vermutlich nicht, der hätte sich das sicher irgendwie so erklärt, dass es für ihn nicht gilt.“

„Mama, was sind Behinderungen eigentlich?“
„Na, wenn jemand zum Beispiel im Rollstuhl sitzt…“
„So wie der, mit dem ich mit Opa und Oma auf Kreuzfahrt war.“
„Genau. Oder der Mann gestern in Freiburg, der keine Beine mehr hatte.“
„Dem hab ich zwei Euro gegeben.“
„Oder wenn man nichts hören kann, oder nichts sehen kann, oder nicht sprechen kann – dann sprechen wir von einer Behinderung. Es gibt aber auch Leute, die chronisch krank sind.“
„Was ist chronisch krank?“
„Wenn man eine Krankheit hat, die nicht mehr weg geht. Ich zum Beispiel hab auch sowas, aber mich schränkt das ja im Alltag nicht wirklich ein. Und dann gibt es zum Beispiel auch Menschen, die geistig behindert sind, die sind dann halt vielleicht ein bisschen anders im Kopf, weil sie so geboren wurden oder einen Unfall hatten. Die sind deswegen aber jetzt nicht ‚dumm‘. ‚Dumm‘ ist sowieso kein schönes Wort.“
Pause.
„Weißt du, wir denken alle irgendwie, dass wir gute Menschen sind und das Richtige tun. Aber letztendlich geht es bei Leuten, die so etwas tun, immer darum, dass sie der Meinung sind, andere Menschen seien weniger wert, warum auch immer. Und das ist der größte Quatsch überhaupt.“
„Da gebe ich dir ausnahmsweise mal Recht, Mama.“

Nachdem er in den Schulbus gestiegen ist, schwirrt das Gespräch in mir rum. Was habe ich richtig gemacht, was lief falsch? Habe ich ihm mit dem Satz über die Kinder in seiner Klasse ein „Einige meiner besten Freunde“-Argument geliefert? Hätte ich ihm die Sache mit den Taten, die unter Hitlers Regime passierten, sanfter beibringen sollen? Wie ableistisch waren meine Erklärungen zum Thema Behinderung? Vermutlich ziemlich, daran muss ich arbeiten. Und immer wieder die Frage: Warum ist es mir eigentlich so wichtig, dass ich ihm meine Wahrheit vermittle, bevor ich ihn raus in die Schule schicke? Um ihn mit Gegenargumenten auszustatten, falls er irgendwelchen rassistischen Aussagen begegnet, rede ich mir ein. Oder geht es mir doch eher darum, ihn in meinem Sinne zu indoktrinieren? Ich möchte wirklich, dass er sich seine eigene Meinung bildet. Ich will nur, dass er dies informiert tut. Dass er hinterfragt. Dass er Parolen als solche erkennt.

Und dann erkunde ich meine eigene Reaktion auf die Ereignisse noch mal. Ich fühle mich erschreckend betäubt, als ob das alles gar nicht richtig an mich rankommt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nach der US-Wahl am 9. November einen Zusammenbruch erlitt und da bereits all meine Panik und extrem emotionale Furcht aufgebraucht habe. Vielleicht bin ich mittlerweile zu verdammt fatalistisch. Andererseits kämpfe ich – manchmal gefühlt wider besseres Wissen – ja weiter, ich versuche weiterhin, für meine Vision einer gerechten Welt einzustehen. Nicht zuletzt, weil ich ein Kind habe, dem es dies zu vermitteln gilt.

Extrem widersprüchlich fühlt es sich auch an, wie ich die Geschehnisse werte. Trump, das tangiert mich ja nicht persönlich. Noch. Da reagierte ich vermutlich so stark, weil es sich wie ein fürchterlich unguter Präzedenzfall anfühlte. Tut es immer noch. Berlin. Ja. Dieses „Jetzt ist es auch bei uns angekommen“-Gefühl, das manche äußern, empfinde ich nicht. „Es“ war schon immer da, nur in anderer Ausführung. Die Attacke in Zürich – für mich ist „Schießerei“ immer ein völlig fehlerhafter Begriff, wenn nur eine Person schießt – geht mir nahe, weil ich die Gegend kenne, sie gehörte jahrelang zu meinem Arbeitsweg. „People, princes, prices, places“, wie unser Journalismusprofessor zu sagen pflegte. Wenn viele Menschen betroffen sind, es um Promis oder Geld geht oder etwas in der Nähe passiert, dann ist es für uns relevant.

Angst? Hab ich nicht. Nicht für mich. Ich hab gelebt, ich fürchte mich nicht. Für den Sohn, ja. Aber nicht für seine Sicherheit. Und nicht aus den Gründen, aus denen diejenigen Angst haben, die jetzt hetzen. Ich habe Angst um den Sohn wegen der Hetzenden. Vor denen fürchte ich mich, vor denen fürchte ich um ihn, und am allermeisten graut mir vor denen, die kaltblütig und berechnend alles instrumentalisieren, um die Hetzenden anzufeuern und ihnen noch mehr Hass einzuimpfen. Ich fürchte mich für seine Seele. Die will ich beschützen.

Also rede ich mit ihm. Weiterhin.

„Weißt du, nicht alle Menschen haben so eine Beziehung wie wir in unserer Familie, die kuscheln vielleicht am Morgen nicht miteinander im Bett…“
„Unsere Beziehung ist Kuscheln.“
„Ja.“

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3 Gedanken zu “Dinge von denen – Darüber reden

  1. drüber reden ist immer gut. und ich denke, du machst das so wie du es beschrieben hast schon sehr gut. andere reden gar nicht erst über sowas.
    ich bin mir sicher ob das auch für den hausgebrauch taugt, aber ich lasse es trotzdem mal hier: als politik- und geschichtslehrende sollte man sich in deutschland immer an den beutelsbacher konsens halten. den finde ich ziemlich spannend und ich denke auch anderes pädagogischer personal sollte sich daran orientieren. in meinem unterricht arbeite ich gerne mit interesse an den meinungen der lernenden. klassische frage: was meinst du denn dazu?
    meine eigene meinung nehme ich meistens zurück, greife nur ein, wenn es zu sehr aus dem ruder läuft oder lernende mich explizit nach meiner meinung fragen. bisher habe ich damit sehr gute erfahrungen gemacht und die meisten kinder und jugendlichen haben ein gutes herz und gute ideen zu den dingen in der welt.
    wie gesagt: ich weiß nicht, ob das auch für den hausgebrauch taugt. vielleicht als anregung.
    und das mit der sorge um das kind kann ich total nachvollziehen. lass dich nicht unterkriegen.
    liebst,
    jule*

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