Edeka verleiht Flüüü…

…che. Beziehungsweise, ich würde gerne an Edeka einige Flüche verteilen. Aber bitte sehr, da ja heutzutage sehr darauf gepocht wird, dass emotionales Schreiben total schlecht ist weil postfaktisch und so: Bleiben wir sachlich. Versuchen wir es zumindest. (Spoiler: Klappt nicht.)

Hinweis: Ich werde die genannten Spots nicht verlinken. Aus Prinzip.

Edeka zeichnet sich ja schon länger durch Werbespots aus, die auf der emotionalen Schiene fahren, siehe „Heimkommen“, als es um den armen alten Opa ging, der seine Familie aufs Scheußlichste manipuliert hat. So rührend. War das jetzt schon unsachlich? Vermutlich. Aber auf die Sache mit der emotionalen Schiene können wir uns alle einigen, richtig? Ist ja auch ein sehr gerne bemühtes Werbekonzept, vermutlich das bemühteste überhaupt, zusammen mit „witzig“.

Apropos „witzig“, erinnert ihr euch noch an den Edeka-Werbespot, in dem ein Kind den Weihnachtsmann an der Wursttheke angeblafft hat, er solle aufhören, so viel Essen zu bestellen, weil er sonst nicht mehr durch den Kamin passe? So niedlich. Was haben wir gelacht.

Ja, sorry. Sachlich wird bei mir schwierig, wenn andere auf der emotionalen Schiene fahren.

Aber reden wir doch über den neuen Edeka-Spot, denn das möchte Edeka gerne. Nein, das hier ist kein Sponsored Post, keine Sorge. Er spielt allerdings Edeka und der Werbeagentur Jung von Matt in die Hände, weil ja bekanntlich jede Publicity besser ist als gar keine. Blöd nur, dass diesen Blog hier fast niemand liest. Tja.

Also: „Eatkarus“. Der Spot fängt an mit einer Bulldogge, die extrem dick ist. Ein Hund im Fatsuit. Alleine schon die Wahl der Hunderasse spricht Bände: Kurznasige Hunde werden selten als elegante, „edle“ Tiere empfunden, sie sind allerhöchstens mal niedlich, wenn sie noch ins Kindchenschema passen, ansonsten geht die Wortwahl von „drollig“ zu „hässlich“. Als „edle“ Tiere betrachten wir eher die Hunderassen mit langen Nasen und schlanken Körpern. Eine Denkweise, die sich auch in Bezug auf Menschen in unserer Gesellschaft widerspiegelt: Groß und schlank = edel. Alle anderen haben gefälligst wenigstens lustig zu sein, um Mehrwert beizusteuern.

Wir sehen nun Menschen, alle dick, grau, trist, genau wie ihre winterkalte urbane Umwelt. Sie ernähren sich von grauem Brei. Nur ein kleiner, unbeugsamer Junge mag seinen Brei nicht essen. Stattdessen richtet er seinen Blick weg vom Teller und erspäht einen Vogel. Der Traum des Eatkarus ist geboren: Er will auch fliegen. Zuerst versucht er es mit Luftballons. Sie sind regenbogenbunt. Alle Menschen gucken verblüfft, der dicke Hund auch. Das Seil, an dem der Junge hängt, reißt aufgrund seines Gewichts, er fällt zu Boden, der Vogel fliegt weg. Auch mittels eines (erneut kunterbunten) Drachens schafft er es nicht in die Luft, sondern wird auf dem Boden durch die Straßen geschleift. Wieder sehen alle dicken Leute verwirrt zu, weiterhin grauen Brei essend. Der Junge schnallt sich selbstgebaute Flügel auf den Rücken und wird deswegen ausgelacht. Er folgt dem Vogel in die Natur und verzweifelt, weil es ihm erneut nicht gelingt abzuheben. Da sieht er aber, wie der Vogel Beeren frisst. Dies wiederum beflügelt (see what I did there?) den Jungen so, dass er nachhause rennt und bis zum Frühling Beeren essend an seinem neuen Flugwerkzeug bastelt. Und siehe da: Er tritt hinaus in die warme Frühlingssonne und hat sich nicht nur gefiederte Vogelflügel aus Pappe gebastelt, sondern auch massiv abgenommen. Die dicken Leute glotzen ihn verständnislos an, auch hier sehen wir wieder jemanden, der grauen Brei isst. Der Junge rennt hinaus in die Natur und – kann fliegen. Der Spot endet damit, dass der dünne Junge Beeren essend und glücklich im Gras liegt, der Slogan dazu: „Iss wie der, der du sein willst“.

Tief durchatmen. Sachlich bleiben. Okay. Fangen wir mit der „Message“ an: Ja, ich finde es absolut unterstützenswert, seine Träume verwirklichen zu wollen. Ja, ich finde bunt auch viel besser als grau. Ja, ich bin durchaus für abwechslungsreiche Ernährung.

Aber Himmelherrgottsakra.

In einer Gesellschaft, in der Fatshaming, die Glorifizierung von instagrammierbarer Ernährung und die quasi-religiöse Haltung Lebensmitteln gegenüber („Ich habe gesündigt!“) an der Tagesordnung und die Norm sind, die Dicken dieser Welt als Mehrheit, als freudlose Fressmaschinen ohne jegliche Fantasie darzustellen, die den Status Quo erhalten wollen und allen denjenigen skeptisch bis feindselig gegenüberstehen, die sich irgendwie ändern wollen… das braucht schon einiges an verquerem Denken.

Von Dicken wird ständig verlangt, dass sie sich ändern. Sprich, abnehmen.
Von Dicken wird ständig erwartet, dass sie unsichtbar, also ja nicht bunt sind.
Von Dicken wird ständig angenommen, dass sie sich nicht nur schlecht ernähren, sondern auch dauernd essen.
Von Dicken wird ständig erhofft, dass sie ihr Gewicht durch irgendeine besondere Fähigkeit wiedergutmachen.

Dicke dürfen nicht inspirierend sein, beziehungsweise nur dadurch, dass sie nicht mehr dick sein wollen. Selbsthass ist super. Selbsthass ist der Status Quo. Selbsthass und die trügerische Fantasie, dass alles besser ist, wenn du erst mal dünn bist.

Hingegen dürfen Dicke die Witzfiguren sein. Die Vorher-Figuren. Das Negativbeispiel. Wobei, wenn ich mir den Spot genau angucke: Die Darstellenden sind ja nicht alle dick, oder nicht so „lustig übertrieben“ dick, wie sie für den Spot sein sollten. Da sind auch jede Menge Fatsuits im Spiel. Sogar fürs Dicksein nimmt die Werbung lieber Dünne. Auch das ist nichts Neues, und auch das wird in Bezug auf andere marginalisierte Gruppen noch extremer betrieben, klar. Nichts an diesem Spot ist wirklich schockierend oder überraschend. Aber es ist so verdammt ermüdend.

Dabei hätte die Message auch ganz ohne Fatshaming übermittelt werden können. Graue Leute in grauer Stadt essen graues Essen, Kind wehrt sich erfolgreich. Mit einem Drachen oder Luftballons kann auch ohne Übergewicht kaum wer fliegen. Aber vermutlich hätte da dann die Thinspiration (sic – Triggerwarnung in Bezug auf alle Essstörungen dieser Welt, wenn ihr das googelt) gefehlt, und die „lustigen“ Szenen. Also wäre das vermutlich alles ein bisschen weniger emotional geworden.

Und emotional wollen wir ja in der Werbung. Aber beim Drüberreden bitte sachlich bleiben, gell.

Nun.

Nö.

Hallo Edeka, hallo Jung von Matt, hier ist eure Gratispublicity, fuck you very much.

Edit:

Zwei wichtige Nachträge seien hier noch eingefügt.

1. Da ich in Bezug auf die Möglichkeit, gesunde Nahrung zu beschaffen und zu mir zu nehmen, mehrfach privilegiert bin (finanziell, mobilitätstechnisch, gesundheitlich etc.), ist mir im Originaltext entfallen, dass die Werbung diesbezüglich natürlich auch unfassbar klassistisch ist. Deswegen sei es hier noch explizit erwähnt: Nicht alle können es sich leisten, Frischware zu kaufen, nicht alle haben aus verschiedensten Gründen die Möglichkeit, sich gesundes Essen zuzubereiten, nicht alle können alles essen, und natürlich auch: Niemand ist moralisch oder sonstwie verpflichtet, sich „gesund“ zu ernähren. Und niemand hat das Recht, bei jemand anderem darauf zu pochen.

2. Ich habe jetzt auch schon davon gelesen, dass ein Edeka-Boykott eine Variante wäre, auf den Spot zu reagieren. Klar, ist für mich zum Beispiel problemlos umsetzbar. Aber auch hier bin ich privilegiert, weil mit die entsprechenden Strukturen und Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Andere haben vielleicht nur einen Edeka und sonst nichts in der Nähe und/oder schaffen es aus Mobilitäts-, Infrastruktur-, Zeit- oder anderen Gründen nicht, den Laden zu boykottieren. Also: Variante – ja. Einzig wahre Lösung – schwierig.

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12 Gedanken zu “Edeka verleiht Flüüü…

  1. Du triffst genau den Punkt. Als dicker Mensch darf man nur immer der lustige Hanswurst sein. Es ist ja gut, dass dicke Menschen keine Gefühle haben, deswegen darf man auf die auch drauf hauen…
    Der Spot tut weh, er verletzt und beleidigt. Und wenn man sieht, wie Edeka auf seiner Facebookseite mit Kritik umgeht, merkt man, welcher Geist dort vorherrscht.
    Die Heuchelei ist genauso schlimm. Edeka geht es doch gar nicht darum, dass sich die Menschen gesund ernähren. Edeka geht es darum, dass die Menschen Nahrungsmittel bei ihnen kauft und nicht bei Rewe, Lidl oder wat weiß ich wo. Edeka möchte also seinen Umsatz auf dem Rücken einer Bevölkerungsgruppe steigern. Zum kotzen!

    • Wenn EDEKA die Menschen wirklich gesund ernähren wollen würde, müssten sie die Hälfte – wenn nicht mehr – des Sortiments aus dem Programm nehmen. Und das ist dann noch genau der Teil, mit dem sie am meisten Gewinn machen, vermutlich.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Stinkefinger für Edeka: Euer Dickenhass ist scheiße

  3. Boykott ist in dem Fall nicht wirklich gut. Die Edeka ist keine klassische Kette, sondern die Geschäfte werden von selbstständigen Einzelhändler*innen betrieben. Die verantworten diese Werbung nicht persönlich, denen zu schaden trifft also nicht das Ziel. Besser wäre vermutlich in den Läden darauf hinzuweisen, was man von diesem Spot hält, und darauf zu dringen, dass diese Kritik auch weitergegeben wird.

    • Jein – ich stimme zu, dass es in diesem konkreten Fall sicher auch wichtig ist, den betroffenen Läden klar mitzuteilen, warum ich nicht mehr dort einkaufe (bzw. andere, ich kaufe aus infrastrukturellen Gründen schon seltenst bei Edeka ein). Andererseits: Müssen die Leute, die der flächendeckend diskriminierten Gruppe angehören, wirklich diejenigen sein, die besonders rücksichtsvoll auf die einzelnen Gegebenheiten der betroffenen Firma reagieren? Finde ich auch wieder schwierig.

      • Ich verstehe schon, was du meinst.
        Nur ist Edeka eben keine Firma im herkömmlichen Sinn, sondern ein genossenschaftlich organisierter Unternehmensverbund (ursprünglich mal eine reine Einkaufsgenossenschaft) von Einzelhändlern.
        Mir geht es da auch nicht um Rücksichtnahme, aber mit einem Boykott gräbt man schlicht den Falschen das Wasser ab. Solche (genossenschaftlichen) Unternehmensverbünde sind die Einzigen, die überhaupt gegen Discounter und grosse Ketten noch Bestand haben und stellen in manchen Gegenden auch die Grundversorgung mit einem Vollsortiment sicher.
        Es geht in meinen Augen nicht an, von der hier angegriffenen Gruppe „Rücksichtnahme“ zu verlangen, aber das ist eben noch was anderes als ein allgemeiner Boykott-Aufruf.

  4. EDEKA…Ein Dummer Esel Kauft Alles !!!

    Mir ist es wurscht, bzw. als Veggy eher Tofu, was sie bewerben und in diesem Zusammenhang dann natürlich auch verkaufen wollen……dieser Laden ist ein schlechter Arbeitgeber in jeglicher Hinsicht. Nicht das gemeinsame der „Genossen“ zählt, sondern der Starke sagt wo ’s lang geht und diktiert den kleinen Läden. Hier im Norden ist das z.B. EDEKA Wucherpfennig (süß, nä??). Arbeitnehmer haben es ähnlich schwer, wie bei Lidl und Aldi…..hab‘ grad‘ nicht auf dem Schirm, ob die überhaupt BRs haben.
    Nee……ich würde da nie kaufen.

  5. Ich halte es hier erstmal nach simpler Logik: Um eine Behauptung a la „Alle “ zu widerlegen, reicht ein Gegenbeispiel. Und ich muss sagen: Dieser Spot diskriminiert nicht alle Dicken.
    Ich bin selbst dick. Vor 3 Jahren wog ich 167kg und hatte einen BMI von fast 40. Mittlerweile wiege ich „nur“ noch 148kg, habe mit einem BMI von über 30 immer noch deutlich zu viel auf den Rippen. Und ich muss leider sagen: Ich fühle mich von dem Spot weder marginalisiert, noch diskriminiert, noch geshamed.
    Der Junge war Teil einer Gesellschaft, die deutlich zu ungesund und zu viel gegessen hat (siehe die Szene mit dem Mann vorm Computer, der achtlos irgendwas in sich hinein geschaufelt hat).
    Ich bin selbst jemand, der viel zu häufig viel zu lang vorm Computer sitzt, und achtlos irgendwas in sich hinein schaufelt, und gerne etwas weniger wiegen würde. Von daher hat dieser Spot mich tatsächlich irgendwo berührt. Aber keineswegs auf der Angriffsschiene, sondern vielmehr auf der Motivationsschiene, a la „Du kannst es schaffen, wenn du willst“. Ich habe keinen Grund, hier jetzt aufzuschreien.

    Und: Ich habe keineswegs die Möglichkeit, Edeka aktiv zu boykottieren. Ich besuche es sowieso nicht. Zum einen wegen mangelnder Mobilität (der nächste Edeka ist 7km von hier entfernt, Lidl und Aldi sind fußläufig entfernt), zum anderen auch aus den von dir angesprochenen klassizistischen Gründen. Bei einem Nettoeinkommen von ~750€ im Monat bleibt mir nichts anderes übrig.

    Ja, ich stimme dir zu, dass finanziell schwächer gestellte Personen nicht unbedingt die Möglichkeit haben, täglich instagramtaugliche Beerenmixe zu essen, oder ähnliches, und stattdessen auf teilweise extrem kohlenhydrat- oder fettreiche billigere Lebensmittel ausweichen zu müssen. Aber wenn man geschickt wirtschaftet, und gerade weil Gemüse billiger ist als Fleisch, geht das auch.
    Auch in den letzten 3 Jahren, in denen ich 19kg abgenommen habe, war ich in der gleichen finanziellen Klasse wie jetzt – genau so wie in den 7 Jahren davor, in denen ich, frisch von meinen Eltern ausgezogen, ungesund en masse gelebt habe, und 50kg zugenommen habe.

    Von daher weise ich dein Argument des Klassizismus von mir. Es ist möglich, von einem Einkommen von 750€ im Monat, wovon ein Drittel für Miete drauf geht, eine Ernährungsweise zu leben, bei der man sein Gewicht hält.

    Über die anderen Argumente, bezüglich der Privilegiertheit eines Edekaboykotts möchte ich anmerken: Natürlich ist man privilegiert, wenn man Edeka boykottieren kann. Aber nicht nur aus infrastrukturellen oder Mobilitätsgründen, sondern vor allem, weil man vorher die Wahl gehabt hat, überhaupt bei Edeka einkaufen zu können, gerade vom Finanziellen her.

    Und last but not least: Als begeisterter Konsument von bewegten Bildern, sowie mit grundlegendem Psychologieverständnis bin ich mir absolut sicher, dass die Produzenten den Schauspielern die Fatsuits absichtlich angezogen haben, auch wenn es natürlich auf den ersten Blick ersichtlich ist. Es ist zum einen eine Metapher, dass man „Dicksein“ ablegen kann, und nicht ein Leben daran gebunden ist, sowie eine absichtliche Karikierung, um Distanz zu wahren. Man stelle sich den Aufschrei vor, hätten sie tatsächlich übergewichtige Leute genommen. Genug Auswahl hätten sie bei der aktuellen Übergewichtigenquote ja gehabt, aber dann hätte der versammelte Internetmob nur noch mehr gejammert, dass die armen Dicken hier ja nur bloßgestellt werden sollten, etc.

  6. Pingback: Was war los? Ein Frühlings-Linkspam.

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