Trendfasten

Ja, das wird vermutlich jetzt so ein „Ich hab nichts gegen Fastende, einige meiner besten Freunde fasten“-Text. Sei’s drum.

Mir begegnen derzeit überall im Internet die Fastenbeschlüsse, die Fastenbekenntnisse und die Fastenaufrufe. Was befastet werden kann, wird befastet, wer nicht fastet, ist nicht im Trend, und Fasten ist das neue Schwarz. Letztendlich denk ich mir „Hey, macht was ihr denkt“, aber bevor ich zum Letztendlichen komme, geht mir eben auch Diverses durch den Kopf.

1. Der Zeitpunkt

Genau wie ich massive Probleme mit der auferzwungenen Fröhlichkeit der Fasnachts-/Faschings-/Karnevalszeit habe, hadere ich auch damit, dass danach gefälligst gefastet wird. Und zwar nicht aus religiösen Gründen (genau wie die fünfte Jahreszeit mittlerweile eher selten etwas mit Winteraustreiben zu tun hat), sondern weil… ja, warum eigentlich? Mit Traditionen wird es ja kaum etwas zu tun haben, dazu ist die ganze Geschichte ja eben bereits viel zu säkularisiert, egal was uns die jeweiligen Kirchen mit ihren Aktionen weismachen wollen. Vermutlich liegt es mal wieder daran, dass irgendwer damit angefangen hat, und inzwischen machen es viele. Und hey, ich verstehe das: In unserer schamgeprägten, loborientierten Gesellschaft ist es nun mal einfacher, etwas innerhalb einer Gruppe und öffentlich zu machen, weil wir daraus Motivation ziehen. Ob diese Motivation nun negativ („Wie peinlich, wenn alle mitkriegen, dass ich versage!“) oder positiv („Die Leute feuern mich an!“) belegt ist, der Mensch funktioniert oftmals als Herdentier am besten. Und das Verständnis unter Gleichgesinnten, wenn man über etwas jammert, das man als schwierig empfindet, ist ja auch immer etwas Angenehmes.

Von dem her: Ja, ich kann verstehen, warum das jetzt gerade viele machen. Nur mir widerstrebt es halt, einerseits weil ich sowieso diese etwas alberne Abneigung gegen gefühlt Gehyptes habe – mit der ich mich eigentlich mehr selber schade als irgendwen beeindrucke, das ist mir auch klar. Und andererseits, weil ich zwar um die Wichtigkeit der Symbolik bei irgendwelchen Neuanfängen weiß, von Neujahrsvorsätzen über Beschlüsse, ab Montag gesünder zu leben oder morgen mit dem Rauchen aufzuhören, ich es aber schon immer so empfunden habe, dass jede Sekunde einen neuen Anfang in sich bergen kann. Aber vermutlich brauchen wir eben dazu auch erst einen gewissen Anlauf, in dem wir noch schnell alles unterbringen, was wir mit dem Neustart hinter uns lassen wollen. Siehe eben auch Fasnacht – Fasten. Wir sind seltsam.

2. Fasten als Privileg

Och nee, jetzt kommt sie schon wieder mit Privilegien um die Ecke. Tja. Ist aber halt so: Freiwillig auf etwas verzichten zu können, ist ein Privileg, weil es bedeutet, dass wir es sonst problemlos beschaffen können. Moment, das ist wichtig, das ist eigentlich die Kernaussage meines Haderns, deswegen sei es hier noch mal hervorgehoben:

Freiwillig auf etwas verzichten zu können, ist ein Privileg, weil es bedeutet, dass wir es sonst problemlos beschaffen können.

Dass wir hier im absoluten Überfluss leben, und dies auf Kosten anderer, ist uns mittlerweile allen klar, richtig? Also muss ich nicht mehr erläutern, wie abstrus unser selbst auferlegter Verzicht auf Dinge, die wir als selbstverständlich empfinden, für weniger Privilegierte ist, okay? Sind wir uns darin einig? Gut.

Dann reden wir doch mal über die Privilegien, die hier innerhalb unserer westlichen Gesellschaft als so normal empfunden werden, dass wir uns nicht vorstellen können, dass hierzulande jemand diese Privilegien nicht besitzen könnte. Ich meine, ich bin ja mehrfach privilegiert und kann euch trotzdem aufzeigen, inwiefern manche der Fastenvorschläge für mich nicht durchführbar wären, weil ich ebendiese Privilegien nicht besitze:

Autofasten: Ha, mein diesjähriger Lieblingsvorschlag. Weil ja überall der ÖPNV fährt. Und weil man auf dem Land kurze Strecken ja auch mit dem Fahrrad oder Elektrofahrrad bewältigen könnte. Nun. Der nächste Ort mit Geschäften/Sozialkontakten/Schule etc. liegt hier 200 Höhenmeter weiter unten im Tal. Klar hole ich das Kind mit dem Elektrofahrrad ab oder transportiere meine Einkäufe damit hoch. Ach, aber nee, ich vergaß: Wir haben ja hier jetzt auch einen Bus. Der fährt kurz vor sieben, gegen 13 Uhr und dann noch kurz nach 16 Uhr. Und dann jeweils gleich wieder hoch. Was beschwere ich mich eigentlich.

Social-Media-Fasten: Ich hab mir letztens eine mehrwöchige Twitterpause auferlegt, die mir tatsächlich gut tat. Das lag aber daran, dass ich psychisch gerade nicht mehr mit den ganzen Diskussionen, panischen Reaktionen und reißerischen Artikeln umgehen konnte. Es war also eine Notwendigkeit und nicht so freiwillig, wie es das beim bewussten Fasten sein sollte. Wenn ich so etwas brauche, dann mache ich es auch, keine Frage. Nur ist es eben bei meinen psychischen Problemen oft so, dass ich den direkten Kontakt zu Menschen, gerade auch offline, auf ein Minimum reduziere. Einerseits weil ich stets befürchte, dass ich öffentlich in Tränen ausbreche oder sonst eine Reaktion zeige, die in unserer Gesellschaft nicht wünschenswert ist (Negative Emotionen im Alltag! Niemals!), oder für andere gar zur Belastung werde. Andererseits weil ich über soziale Medien halbwegs kontrollieren kann, was auf mich einstürmt, und trotzdem das Gefühl habe, noch irgendwie an der Gesellschaft teilzuhaben. Das ist nicht schön, das ist letztendlich auch kein wünschenswerter Dauerzustand, aber so ist es nun mal derzeit. Manchmal sind die sozialen Medien mit ihrem Filterblasenfilter das einzige Fenster in die Außenwelt, durch das ich schauen möchte. Schauen kann. Lasst mir das, bitte.

Auf Schokolade/Zucker/Süßigkeiten verzichten: Ach ja. Das tue ich als Typ-2-Diabetikerin, die versucht, ihre Krankheit ohne schnelles Insulin zu regeln, eigentlich sowieso. Wenn ich ernährungstechnisch über die Stränge schlage, muss ich das durch Bewegung ausgleichen, und das wiederum benötigt Zeit, die man sich auch erst reservieren muss. Wenn ihr das machen wollt, weil ihr das machen könnt: Gut für euch. Aber euch sei noch mit auf den Weg gegeben, dass Lebensmittel nur die moralische Bedeutung haben, die wir ihnen verleihen. Schokolade ist nicht „gut“ oder „böse“, und ihr seid nicht „gut“ oder „böse“, wenn ihr sie nicht esst oder dann doch esst.

Sonstige Ernährungsumstellungen: Lowcarbnocarbglutenfreivegan – so etwas ist auch ziemlich beliebt als Test in der Fastenzeit. Mal gucken, ob es sieben Wochen lang klappt, danach klappt es vielleicht auch länger. Ich persönlich finde vegane Ernährung total super, wenn das machbar ist. Für mich z.B. ist das sehr schwierig, weil ich aufgrund meiner Medikamente (s.o.) extreme Verdauungsbeschwerden der übelsten Art kriege, wenn ich mich nicht entsprechend ernähre. Hülsenfrüchte zum Beispiel gehen gar nicht. Zu viel Fett auch nicht. Zu viel Fleisch auch nicht. Blähendes ist schwierig. Und im Moment esse ich gerade unfreiwillig quasi kohlenhydratfrei, weil eine Erkältung meinen Blutzucker komplett die Wände hochgehen lässt, und ich ihn nicht einfach runterspritzen kann. Allerdings führt gerade Low Carb eben auch zu… genau, extremen Verdauungsbeschwerden. Ich könnte hier bildhafte Beschreibungen einfügen, aber sagen wir es mal so: Mein Sozialleben ist erheblich eingeschränkt dadurch. Und ich kenne alle öffentlichen Toiletten der näheren Umgebung sehr, sehr gut. Aber auch hier: Ich verstehe, wenn das jemand machen will. Gerade das Veganerdasein. Die Sache mit dem moralischen Wert gilt aber auch hier. Und das Caveat, dass ich vielleicht eben nicht gerade allzu viel Mitleid mit Fastenden habe, die sich das freiwillig auferlegen.

Dazu kommt bei allen Ernährungsthemen im Bereich Fasten noch ein weiterer für mich irritierender Aspekt: Es wird nahezu immer betont, dass man das ja nicht tue, um irgendwie abzunehmen. Ja. Das hab ich mir bei früheren Saftfastenaktionen auch immer in die Tasche gelogen und mich dann trotzdem täglich auf die Waage gestellt. Wenn das für euch stimmt, schön für euch. Aber fragt euch doch mal im tiefsten Inneren, ob es wirklich so ist. Und fragt euch dann, ob es nicht ehrlicher wäre einzugestehen, dass es eben auch darum geht. Wir sind darauf konditioniert, daran ist nichts Verwerfliches, wir sollten uns nur dessen bewusst sein.

3. Der Lifestyleaspekt

Überhaupt, darum geht es mir schlussendlich irgendwie am allermeisten, wie immer: Dass wir bewusste Entscheidungen treffen. Dass wir hinterfragen, warum wir etwas tun. Und das fängt schon damit an, dass wir uns fragen, ob wir es überhaupt tun müssen. Die obengenannten Beispiele sind nur Aspekte aus meiner persönlichen, eingeschränkten Erfahrung. Da draußen gibt es mehr als genug Leute, die sich gar kein Auto leisten können, die vielleicht kein schnelles Internet haben (hallo, hier!), die erst mal gucken müssen, was sie sich an Lebensmitteln überhaupt leisten können usw.

Ist es erstrebenswert, sich Gedanken darüber zu machen, was man verändern möchte, an sich, an der Welt, und dies dann auch umzusetzen, wenn auch vielleicht nur für 40 Tage? Ja, absolut. Macht das. Aber für mich klingt es in der Fastenzeit oftmals wie eine Lifestyleentscheidung. Und ich wünsch mir wie immer bei allem, bei mir sowieso zu allererst: Mehr Life als Style.

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