Make Bullerbü great again?

Eigentlich. Ja. Eigentlich hab ich wirklich keine Lust mehr, über das Thema zu schreiben. Eigentlich ist es ja nur mal wieder ein Text, der meiner Meinung nach lediglich in die Welt gesetzt wurde, um Reaktionen zu generieren, im garantierten Wissen, dass Elternblogs (bzw. vor allem Mutterblogs, machen wir uns nichts vor) sofort darauf anspringen. Säue, Dörfer, ihr wisst schon. Es ist ermüdend, es ist ärgerlich, es ist unoriginell, und doch juckt es mich in den Fingern. Und hey, wenn es mich schon mal wieder in den Fingern juckt… also, was soll’s. Reden wir über Politik und Mutterblogs.

Ja, mag sein, dass die gerne süffisant als „Bullerbü“ bezeichneten Blogs und Dawanda-Shops von Frauen betrieben werden, die finanziell gutsituiert sind, sei es durch das Einkommen ihres Mannes, sei es durch eigene Einnahmen, Ersparnisse, etc. Ja, sie kommen oft klassistisch daher, nicht zuletzt dadurch, dass sie sich thematisch auf Gebiete begrenzen, bei denen für viele Menschen Einschränkungen gelten: Ob es nun Zeit mit den Kindern ist, Ausflüge, Konsumgüter… und folglich: Nein, ich finde das auch nicht durchgängig super. Aber. Großes Aber.

Erstens: Es sind die Mutterblogs, die kritisiert werden. Über die Väterblogs reden wir mal wieder nicht, denn bloggende Väter sind super, die machen ja was mit ihren Kindern, die kümmern sich um den Haushalt, die kochen auch mal, hurra, alle applaudieren bitte! Eine Runde Sigmar-Gabriel-Awards für alle! Bei Müttern hingegen sind das Selbstverständlichkeiten, die wir generell nicht wahrnehmen, also warum bitte schön müssen die das bei Instagram oder so posten? Und dann auch noch so inszeniert? Frechheit!
Nun, die Antwort ist einfach: Weil gerade Hausfraumutterarbeit quasi gänzlich unsichtbar ist. Wann nimmt die Gesellschaft die Mütter wahr? Wenn sie oder ihre Kinder sich nicht so gebärden, wie es wünschenswert ist. Einen wirklichen Wert hinter dieser Tätigkeit erkennen wir selten, obwohl natürlich gerne mal betont wird, wie wichtig das alles ist, gerade nächsten Monat. Blargh. Nur hilft mir persönlich das zum Beispiel nicht viel, wenn ich hinter der Familie herräume und am Ende der Wohnung gleich wieder vorne anfangen kann, weil niemand bemerkt, dass eigentlich gerade aufgeräumt wurde. Denn das gehört ja eh zu meinem Job. Wenn Wäsche rumliegt, wenn Geschirr stehen bleibt, wenn Zahnpastareste im Waschbecken kleben – das ist alles Arbeit, aber es ist Arbeit, die nicht geschätzt wird. Natürlich einerseits, weil es ja alle machen müssen, ob sie nun Kinder haben oder arbeiten gehen oder nicht, aber eben auch, weil sie nicht bezahlt wird. Und weil sie weiblich konnotiert ist. Wenn ein Vater im Haushalt hilft, wird das wahrgenommen. Das ist auf Dauer unglaublich frustrierend, und nicht zuletzt deswegen sollte es absolut okay sein, wenn eine Frau mal öffentlich sagt: „Hier! Ich hab das gemacht!“.

„Aber da werden doch Erwartungshaltungen geweckt, denen Frauen nicht gerecht werden können, das ist doch auch wieder antifeministisch!“. Gut, kommen wir zu zweitens. Natürlich hinterfrage ich diesen Rückzug ins vermeintlich Private auch immer wieder, nicht zuletzt bei mir selbst. Meine eigenen Gründe dafür kenne ich, bei anderen weiß ich nicht, warum sie sich so entschieden haben, und wisst ihr was? Weder sie noch ich müssen uns dafür rechtfertigen. Auch wenn wir es immer wieder tun – siehe ja auch die Reaktionen auf den Artikel. Denn die hängen auch damit zusammen, dass in unserer Gesellschaft von Frauen mehr Perfektionismus erwartet wird als von Männern. Frauen im beruflichen Leben? Müssen sich erst mal beweisen, erst recht in Männerdomänen. Männer im privaten Familienleben? Och, der Papa kann das halt nicht, wie lustig, siehe zig Werbespots. Und wenn wir völlig überraschenderweise nicht perfekt sind… dann rechtfertigen wir uns. Denn wir haben versagt, also müssen wir uns erklären. Wir können angesichts der Ansprüche zwar nur versagen, aber da es ja irgendwie an uns liegen muss, suchen wir nach Gründen, weswegen wir trotzdem nicht der schlechteste Mensch der Welt sind. Und diese Rechtfertigungen können eben auch die Form annehmen, dass wir uns der Welt im Internet so präsentieren, wie wir gerne wären. Perfekter. Entspannter. Gelassener. Nein, ich finde das nicht erstrebenswert, mir sind die Ecken des Mama-Internets auch lieber, in denen ich mich auch mal darüber auslassen kann, dass ich fürchterlich unentspannt, unordentlich und energiefrei bin und überhaupt das Gegenteil von perfekt (was ist eigentlich das Gegenteil von perfekt?). Aber ich nehme mir nicht das Recht heraus, anderen Müttern zu sagen, dass sie das gefälligst auch so halten sollen. Würde ich mir wünschen, dass wir uns alle von den unrealistischen Erwartungen befreien können, die seitens der Gesellschaft an uns gerichtet werden? Ja. Aber es ist ein systemisches Problem, kein rein persönliches. Dagegen sollten wir angehen, nicht gegen dessen vermeintlich willige Repräsentantinnen.

„Und was ist mit dem antiquierten Frauenbild?“. Nun, einerseits siehe oben: Hallo Gesellschaft. Wenn uns tagtäglich nahegelegt wird, dass wir ja sowieso nur scheitern können, lassen wir es halt irgendwann bleiben und ziehen uns ins angeblich Private zurück. Wobei mal ganz ehrlich: Wer der Meinung ist, dass Mutterschaft irgendwie apolitisch sein könnte, dass Existenz an sich irgendwie apolitisch sein kann… nun ja. Nö. Einerseits wird mein Kind dadurch geprägt, dass es hochgradig privilegiert ist, andererseits dadurch, wie ich ihm die Welt erkläre, und drittens durch sein Umfeld. Diese Dinge überschneiden sich mitnichten immer so sehr, wie es angenommen werden könnte. Während sein Umfeld abseits der Familie ihm Klischee-Männerrollen präsentiert, versuche ich immer wieder, dagegen anzureden und ihm Eigenschaften wie Empathie und kritisches Hinterfragen beizubringen. Und durch unser privilegiertes Leben habe ich die Möglichkeit dazu. Lebe ich ihm eine traditionell feminin zugeordnete Rolle vor, dadurch dass ich Hausfraumutter bin? Ja. Finde ich das gut? Nicht zwingend. Aber situationsbedingt kann ich ihm Alternativen nur näherbringen, indem ich sie ihm immer wieder erkläre und aufzeige. Das mag er manchmal nervig finden, aber einiges bleibt trotzdem hängen. Oft fragt er auch nach und zeigt mir seine Interpretation der Dinge, die ich ihm gerade erläutert habe. Er ist politisch interessiert, also reden wir darüber. Unser aktuelles Thema sind gerade (und immer wieder) die unterschiedlichen Frauenbilder, die ihm von außerhalb vermittelt werden im Gegensatz zu den Aspekten, über die ich mit ihm spreche. Und wenn es nur die Diskussion ist, ob der große gefährliche Drache gegen die Drachenmutter gewinnen würde, oder was für ein Quatsch es ist, wenn behauptet wird, dass die Drachenmutter mit ihren fünf Kindern erst eine Familie ist, nachdem der Große Gefährliche als Papa dazustößt. So läuft das bei uns – wie es andere Mütter machen, weiß ich nur bedingt, aber auch da: Es ist ihre Entscheidung, was sie der Welt diesbezüglich präsentieren, und Rückschlüsse daraus zu ziehen, halte ich gelinde gesagt für unproduktiv.

(Mal abgesehen davon, dass es beileibe keine unanstrengende Arbeit ist, sich mit einem Webshop selbständig zu machen. Da gäbe es für mich dann eher wieder den Kritikpunkt, dass diejenigen das tun, die es sich leisten können, zeitlich und finanziell, aber auch da: Ich sehe mich nicht befugt, einzelne Frauen zu beschuldigen. Wünsche ich mir mehr Hinterfragen, mehr Reflektiertheit? Ja klar, aber das tue ich ja immer bei allen, erst recht bei mir. Selbstansprüche, nicht wahr.)

Drittens und als Quintessenz sei hier mal eben auf den Tisch gehauen: Selbst wenn Frauen sich mit Bullerbü identifizieren (hat eigentlich wer das Buch letztens gelesen? Ich schon. So toll war Bullerbü nicht! Madita ftw!) und in einer rosa pastell Familienidyllwelt leben wollen, warum sollten sie das nicht dürfen? Warum? Hm?! Wegen des großen ganzen ach so homogenen Feminismusbildes, das komplett zerstört wird, wenn wir nicht alle pink scheiße finden? Sind wir da ernsthaft noch nicht weiter? Echt jetzt? Himmelarsch. Guckt euch die Welt an, und dann reden wir noch mal über dieses Feindbild. Echt jetzt.

Und weil ich hier jetzt komplett aus meiner Perspektive geschrieben habe, hier die Linkliste von Rike Drust zum Thema „Mutterblogs sind sehr wohl politisch“, die diverse Blogs präsentiert und nicht nur (wenn auch vorwiegend) privilegierte Bloggende wie mich. Wobei ich auch da darauf hinweisen möchte: Wir müssen nicht das Gegenteil beweisen, wir müssen uns nicht rechtfertigen. Die nächste Sau können wir auch mal unbeachtet durch die Gegend ziehen lassen.

via GIPHY

Flattr this!

4 Gedanken zu “Make Bullerbü great again?

  1. yeah! ich muss jetzt erstmal weiterlesen gehen, aber auch ohne die herkunft deiner berechtigten empörung bisher zu kennen: sehr guter artikel! und diejenigen, die die möglichkeiten haben, sollten sich ihre politischen verantwortung viel öfter bewusst sein. ich versuche das gerade mit dem thema handarbeit zu verknüpfen, da ich zum mutterding nur vom hörensagen weiß. danke für deine klaren worte!
    liebe grüße,
    jule*

Schreibe einen Kommentar zu Rike Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.