Denkanstoss

Bin bei spiegel.de über einen Artikel gestolpert, der mich nachdenklich gemacht hat (ja, das soll durchaus vorkommen).

Und zwar dieses Interview hier.

US-Soldat desertiert in Deutschland, weil er nicht wieder in den Irak will. Hm. Einerseits kann man sicher sagen, der Mann hat sich freiwillig (nun ja, so freiwillig wie das bei afroamerikanischen Männern gerne mal der Fall ist: Als eine der extrem seltenen Karriereoptionen) für die Armee gemeldet, wenn er das nicht ertragen kann, ist er selber schuld. Erst seine Kohle im Militär verdienen und dann abspringen, wenn man Schiss kriegt. Und überhaupt: Diese ganze Argumentation, dass der Krieg völkerrrechtlich illegal sei und so – soll doch einfach zugeben, dass er Angst vorm Sterben hatte.

Nur um es gleich klarzustellen: Mit der Argumentation im obigen Absatz stimme ich überhaupt nicht überein. Ich bin der Meinung, dass es ganz schön mutig ist, sich hinzustellen und zu sagen: „Nein, ich kann das nicht mehr. Ich mach hier nicht mehr mit.“ Egal aus welchen Motiven. Dass der Mann, der derzeit in einem Asylbewerberheim lebt, lieber mit Begründungen aus den Rubriken Politik und Gewissen argumentiert statt mit der eigenen Angst, ist doch wohl auch verständlich, schliesslich ist noch überhaupt nicht raus, was mit ihm passieren wird – und dass er mit der Aussage „Ich hab die Hosen voll“ kein Asyl kriegt, dürfte wohl ziemlich klar sein, ansonsten würde Deutschland da vermutlich einen ziemlich unglücklichen Präzedenzfall schaffen. Soldaten, deren Job darin besteht, andere zu töten und wenn es sein muss selbst getötet zu werden, können wohl kaum mit dem Argument daherkommen.

Aber sollten sie nicht auch das Recht haben, sagen zu können: „Ich will das nicht mehr!“, ohne damit rechnen zu müssen, zuhause die Todesstrafe zu kassieren? Ja klar, hier mag man wieder mit „Hat er aber auch schon vorher gewusst“ kommen. Theorie und Praxis halt – er war im Irak, er hat erlebt, was dort geschieht. Ich würde meinen, es war eine eindeutig informiertere Entscheidung, dort nicht mehr hinzugehen und alles zurückzulassen, das ihn mit seiner Heimat verbindet, als es damals die Entscheidung war, für sein Land in den Krieg zu ziehen. Und wenn jemand seine Meinung ändert, nachdem ihn seine persönlichen Erfahrungen gelehrt haben, dies zu tun, was um Himmels Willen ist strafbar daran?

Warum ist es so viel hehrer und edler, für sein Land zu arbeiten, als für irgendeinen Wirtschaftsboss? Für die Leute mit dem Finger am Abzug ist es auch nur ein Job, der Kohle bringt, vermutlich zumindest spätestens von dem Moment an, in dem sie erstmals diesen Finger bewegen. Da muss man sich, so stelle ich mir das in meinem diesbezüglich zugegebenermassen grenzenlosen Unwissen vor, wahrscheinlich schnell mal entscheiden, wodurch man seine Seele am Leben erhält: Mit dem blinden Glauben daran, dass das, was man da tut, für die Heimat und somit richtig ist, mit der verzweifelten Hoffnung daran, dass man die Lieben zuhause wiedersehen wird, oder dann halt mit dem Repetieren des Mantras „Noch so und so viele Tage, und dann kann ich hier weg“. Und wenn dann eben nach dem ersten Einsatz ein zweiter folgen soll und man sich für die dritte Variante entschieden hat… Nun, warum sollte man dem Befehl denn Folge leisten müssen? Weil man irgendwann mal etwas unterschrieben hat, als man noch nicht wirklich eine praktische Ahnung davon hatte, was einem da bevorstehen könnte?

Ich weiss, die Armee ist halt nun mal anders. Ich kenne mich damit nicht aus, bei uns stand nie das Sturmgewehr des Vaters im Schrank, ich hatte nie einen Schweizer Freund, dem ich Fresspäckchen in den WK geschickt habe, meine Berührungspunkte mit der Armee sind minim. Vermutlich ist die Androhung der Todesstrafe die einzige Möglichkeit, Massendesertationen zu verhindern. Verstehen muss ich das aber noch lange nicht, oder? Bleibe an der Front und werde vielleicht gekillt, flüchte von der Front und werde vielleicht gekillt. Ich gebe zu, ich verstehe halt grundsätzlich nicht, warum man überhaupt eine Karriere in der Armee anstrebt. Vielleicht geht mir da die Vaterlandsliebe ab, an der mangelnden Kriegsparanoia wird es sicherlich nicht liegen, die ist bei mir als Kind der Zeit des kalten Krieges durchaus sehr gut ausgebildet. Es wird wohl damit zu tun haben, dass ich schon immer viel zu gerne alles hinterfragt habe, auch Anordnungen und Vorgesetzte. Vermutlich ist mir André Shepherd deswegen inhärent sympathisch. Weil er sich seine Meinung gebildet hat und zum Schluss gekommen ist: Nee. Sorry. Ich wähle Flucht.

Im Spiegel.de-Forum hat jemand zu diesem Thema geschrieben, dass Mut dazugehöre, ein Feigling zu sein. Wie ich bereits weiter oben erwähnt habe: In der Tat, in unserer heutigen Welt gilt es nicht nur für die Armee, dass Mut dazugehört, sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann das nicht mehr. Ich kann jetzt nicht mehr so funktionieren, wie es von mir erwartet wird. Ich brauche eine Auszeit. Natürlich wird so etwas bei uns Zivilisten nicht mit dem Tod bestraft, aber das soziale Stigma eines wie auch immer gearteten Ausstiegs ist durchaus vorhanden und lässt sich so leicht nicht abschütteln.

Aber hey, die Leute ganz oben, diejenigen, die den Finger nicht am Abzug oder am Schraubenschlüssel oder am Call Center-Telefonhörer haben, denen wird so ein Ausstieg wenigstens vergoldet. Selbst wenn bei ihnen der Ausstieg in den wenigsten Fällen aus Gründen der informierten Einsicht erfolgt, wie dies bei dem Mann der Fall ist, der jetzt in einem Asylbewerberheim sitzt, weil er keine Menschen mehr grundlos töten wollte.

Die Welt: Ein gerechter Ort, nicht wahr? Und ich verspüre zum ersten Mal in meinem Leben Lust, ein Fresspäckchen an ein Armeemitglied zu schicken. Landet dann halt im Asylbewerberheim…

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