Solidarité, SDA, SRG

Ich weiß nicht, ob ihr da draußen das mitgekriegt habt, aber die Schweizer Nachrichtenagentur SDA streikt derzeit. Hier ein paar Hintergrundinfos, und mal ehrlich: Über die Aussage des CEOs Markus Schwab, dass die SDA nur ihren Aktionären etwas schulde, müssen wir gar nicht erst reden. Wirklich, wirklich nicht. Wobei… da wäre ja auch noch dieses NoBillag-Ding, ne. Bei dem das Schweizer Stimmvolk letztendlich über die Existenz des öffentlich-rechtlichen Fernsehens abstimmt. Also reden wir halt doch mal. Klartext.

Hallo, guten Tag, ich weiß wovon ich rede, ja. Einerseits hab ich in der Schweiz Freunde und Bekannte sowohl bei öffentlich-rechtlichen Medien als auch im privaten Mediensektor, und andererseits hab ich a) Journalismus studiert unb b) selber mehrere Jahre bei diversen privaten Medien gearbeitet. Den Punkt können wir folglich abhaken.

Ach ja, und falls mir irgendwer mit der „Auslandschweizer haben da nicht mitzureden“-Argumentation kommen will: Hey, ich find das auch grundsätzlich nicht immer einfach, aber sagen wir mal so: Solange ich mich bei Wahlen und Abstimmungen für das Gegenteil dessen entscheide, was die trötetenden CH-Rentner in ihren thailändischen Villen auf den Facebookseiten der Schweizer Medien propagieren, gleicht sich das alles wieder aus und zählt folglich nicht. Alles gut?

Nachdem wir das also aus dem Weg geräumt haben: Ich kann kaum Worte dafür finden, wie problematisch ich die Haltung finde, dass Medien grundsätzlich profitorientiert sein sollten. Mir ist natürlich auch klar, dass es in unserem System absolut unrealistisch ist, so idealistisch zu denken. Aber mir wurde nun mal beigebracht, dass Unabhängigkeit mit das höchste Gut eines Nachrichtenunternehmens sein sollte, und selbst wenn das nicht umsetzbar ist, so sollte es doch wenigstens… erstrebenswert sein? Ich habe selber oft genug Diskussionen mit den Marketingabteilungen meiner Arbeitgeber geführt, wenn es darum ging, ob eine Information irgendeines Sponsors oder Werbepartners tatsächlich irgendeinen Nachrichtenwert enthielt oder nicht (Tipp: Tat sie meistens nicht, abschließendes redaktionelles Argument: „Gib’s an die Moderation weiter, vielleicht können die was draus machen!“ Muarharhar.). Es ist ein verdammter Balanceakt. Wir haben damals im Studium gelernt, dass sich das Publikumsinteresse an einer Meldung folgendermaßen zusammensetzt:

People: Sind viele Leute betroffen? Dann ist es eine Meldung wert.
Prices: Geht es um Geld? Dann ist es eine Meldung wert.
Princes: Geht es um Prominenz in irgendeiner Form? Dann ist eine Meldung wert.
Places: Ist es in der Nähe passiert? Dann ist es eine Meldung wert.

Nun hatten wir damals in den 90ern vor dem Reality-TV-Zeitalter noch eine andere Definition von „Prominenz“, aber nun gut. Diese Auflistung von Themen, für die sich Menschen interessieren, ist immer noch ziemlich allgemeingültig. Und die NoBillag-Initiative erfüllt alle Kriterien. Die finanzielle Komponente ist genau so offensichtlich wie die Masse der Betroffenen, die Örtlichkeit passt auch – fehlen nur noch die Promis. Die vom Fernsehen. Aber die sitzen ja im Leutschenbach, trinken Cüpli mit der Cervelat-Prominenz, machen sich ein schönes Leben und sind alle ausnahmslos politisch links und posaunen Propaganda in die Welt hinaus.

So sagt es zumindest die Propaganda der unsolidarischen Angstmacher um Blocher, Köppel et al. Und die sind ja fürs Volk! Nur fürs Volk! Keiner sonst ist fürs Volk!

Äh. Ja. Nö. Erstens mal sind in so großen Unternehmen wie der SRG garantiert nicht alle politisch derselben Meinung. War in keiner der sehr viel kleineren Redaktionen, in denen ich gearbeitet habe, der Fall. Das bedeutet aber nicht, dass die alle nicht neutral, sondern im Sinne ihrer politischen Ausrichtung arbeiten. Die Gewichtung der Themen, da kann es ab und zu hin und her pendeln, aber überall wo ich war, haben wir stets alle Seiten der Debatte beleuchtet. Weil das so sein soll. Weil Journalismus so funktionieren sollte. (Und ehrlich gesagt, es war meistens einiges einfacher, diejenigen Sprachrohre zu fundierten Aussagen zu kriegen, die sich von der Mitte des politischen Spektrums bis hin nach ganz links bewegt haben. Von rechts kamen gerne mal Parolen statt Argumente. Wertet das selbst aus.) Anders gesagt: Ja, die Menschen, die Medien machen, haben meistens eine politische Meinung. Das dürfen sie auch. Innerhalb ihrer Arbeit lassen sie sich davon aber nicht beeinflussen, wenn sie ihren Job ordentlich machen. Ich bin ja der Meinung, die öffentlich-rechtlichen Medien machen ihren Job ganz ordentlich. Wenn sie versagen, dann nicht in der Richtung, von der die Angstmacher sprechen, sondern eher umgekehrt: Indem sie auf die Parolen der Angstmacher eingehen und den Konsumierenden so bestätigen, dass sie Angst haben sollten.

Zweitens: „Die vom Fernsehen“ haben es gut. Haaahahahaaaa. Diejenigen auf dem Bildschirm? Erstens mal müssen sie mit enormem öffentlichem Druck umgehen und zweitens sind besteht ihre Arbeit aus viel mehr als aus dem, was tatsächlich am Ende zu sehen ist. Alle anderen, die nicht in einer sichtbaren Funktion agieren? Tja. Die haben vermutlich extrem viel anstrengendere Arbeitszeiten als wir, werden dafür kaum gewürdigt und kriegen im Zweifelsfall nie so viel Gehalt, wie wir alle denken. Und das bezieht sich jetzt nur auf die SRG. Die Situation bei den Privatradios sieht noch mal ganz anders aus, denn da ist bei vielen echt kaum Kohle vorhanden, weswegen sie Billag-Unterstützung dringend benötigen, auch wenn da jetzt seitens der Angstmacher von, ja genau, „Angstmacherei“ geredet wird. Nö. Gerade die kleineren, ländlichen Sender, könnten ohne zusätzliche Finanzen nicht überleben. Dass sind die Stationen, bei denen Praktikant_innen, Volontär_innen und ähnliche Berufseinsteigende besonders gern gesehen sind, da sie kaum etwas kosten. Ich mein ja nur, ich hab früher auch schon bei Migros, Coop und H&M gearbeitet, und ich kann euch versichern: Das Verhältnis von Gehalt und tatsächlichem Aufwand war dort um einiges besser. Ernsthaft. Und 50-60 Stunden, gerne mal auch morgens um vier, hab ich dort auch nicht gearbeitet.

Drittens: „Ich will aber nicht für etwas bezahlen, das ich nicht brauche“. Ist klar. Als ich noch in der Schweiz gelebt habe, hätte ich auch gerne darauf verzichtet, manche Dinge mitzufinanzieren. Alles, was mit der Armee zu tun hat zum Beispiel. Alles, was mit Blocher et al. zu tun hat erst recht. Jegliche Aspekte des Staates, die ich für verzichtbar halte. Aber wir leben nun mal in etwas, das sich angeblich immer noch für eine solidarische Gesellschaft hält, auch wenn davon herzlich wenig zu sehen ist. Das heißt, dass ich auch diejenigen berücksichtigen muss, denen es schlechter geht – okay, ich hab falsche Beispiele gewählt, wem bitte ginge es mit weniger Panzern schlechter? Was ich sagen will: Auch wenn ich etwas nicht benutze und trotzdem dafür bezahle, heißt es doch nicht, dass ich unbedingt dafür sorgen muss, dass es nicht mehr existiert? Ich hab auch schon mal ein Fitnesszentrum via Abo mitfinanziert, das ich kaum besucht habe, soll ich jetzt danach schreien, dass es abgerissen wird? Ich war noch körperlich gesund, als ich in der Schweiz gelebt habe, hätte ich deswegen nach der Abschaffung der Krankenkassen brüllen sollen (UM HIMMELS WILLEN, DAS IST KEINE AUFFORDERUNG!)? Ich hab auch in meinen Schweizer Zeiten kaum Schweizer Fernsehen geguckt, aber für mich ist es trotzdem sonnenklar, dass es das Schweizer Fernsehen braucht. Nicht zuletzt wegen der ganzen Angstmacher.

Aber wisst ihr was: Ich hör jetzt auf. Diejenigen die das hier lesen und verstehen, sind eh schon meiner Meinung. Die anderen, die Ängstlichen, die sich Empörenden, die den empörten Angstmachern glauben… ich weiß auch nicht.

Ich hab ehrlich gesagt Angst um euch.

Und noch mehr Angst hab ich vor euch.

Nur leider halte ich es mit Carrie Fisher: Be afraid. But do it anyway.

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